Wenn David Bloos gerufen wird, muss es manchmal ziemlich schnell gehen. "Einmal war das Abbruchunternehmen schon da und die Bagger hatten angefangen das Gebäude abzutragen. Wir haben noch versucht, in Ruhe die Baustoffe zu retten." "Retten" oder "bergen" - so nennt es der 45-jährige Geschäftsinhaber aus Kirchheim unter Teck (Kreis Esslingen), wenn ein altes Haus kurz vor dem Abriss oder der Sanierung steht und er die Chance bekommt, das auszubauen, was später als Ware in seinem Baumarkt stehen wird.
Baujahr 1554: Haus in Plochingen mit wertvollen Türen
"Es gibt Baumaterialien, die wollen gerettet werden", sagt David Bloos und zeigt auf eine Wohnungstür mit gut erhaltenen Ornament-Gläsern. Die Tür ist mehr als 100 Jahre alt. Für David Bloos heißt das: Es gingen schon mehrere Generationen durch sie hindurch. "Wir versuchen sie zu erhalten, um auch nachfolgenden Generationen die Chance zu geben, wieder durch diese Türen zu gehen."
Das Haus, in dem David Bloos die Tür entdeckt hat, stammt aus dem 16. Jahrhundert, zumindest deutet eine Inschrift neben dem Eingang daraufhin: "1554". Damit ist es eines der ältesten Häuser in Plochingen (Kreis Esslingen). "Im Wohnbereich haben wir eine enorme Raumhöhe, eine Raumhöhe, die man in einem Fachwerkhaus nicht vermuten würde. 2,60 Meter, vielleicht 2,70." Das deute auf einen guten gefüllten Geldbeutel des Erbauers hin, erklärt Wolfgang Bloos. Das heißt, es ist wahrscheinlich, dass dort hochwertige Materialien verbaut wurden.
Überraschender Fund: Granate aus dem Zweiten Weltkrieg
Wolfgang Bloos ist der Vater von David Bloos. Er hat schon vor fast 30 Jahren angefangen, Türen, Fenster und Dielenböden aus alten Gebäuden auszubauen, bevor sie auf einer Deponie entsorgt werden hätten können. Oft nahm er die beiden Söhne mit. David Bloos erinnert sich: "Das war Abenteuer. Wir wussten ja nie, was uns erwartet." Einmal fanden sie eine Granate aus dem Zweiten Weltkrieg. "Da musste der Kampfmittelbeseitigungsdienst kommen und sie sprengen."
Doch das sind die Ausnahmen. Wolfgang und David Bloos geht es um etwas anderes. Sie wollen, dass alte Materialien wieder verwendet werden. "Das sind Kulturgüter. Wir wollen sie bewahren." Dazu komme die Nachhaltigkeit: "Da muss kein Baum gefällt werden. Für Ziegelsteine kein Hochofen eingeheizt werden." Deswegen bauen Vater und Sohn nicht nur alte Baustoffe aus, sondern verkaufen sie auch wieder in dem von ihnen inzwischen in zweiter Generation geführten Baumarkt "Kreislauf" in Kirchheim unter Teck (Kreis Esslingen).
Kunden suchen gezielt nach gebrauchten Baustoffen
Wer sucht nach Türen, die alt, möglicherweise verzogen und nur in geringer Stückzahl vorhanden sind? Oder nach einer Treppe, die ausgetreten ist und alles andere als genormte Maße hat? Jürgen Bitzenauer zum Beispiel. Er ist schon lange Kunde in dem Baumarkt, hat dort bereits unter anderem Türklinken, Schlüssel, Fliesen und eine ganze Treppe gekauft.
Jürgen Bitzenauer wohnt im nahe gelegenen Reichenbach an der Fils - und zwar in einer Villa aus dem Jahr 1902. Er ist auf der Suche nach Massivholzdielen, am liebsten Pitchpine. Pitchpine ist ein besonders hartes Nadelholz mit warmer rötlich-gelber Farbe. "Das passt zur Charakteristik des Hauses", sagt er, dazu sei es pflegeleicht. "Wenn Sie mal auf einem neuen Laminat-Boden eine Macke haben, dann haben Sie ein Problem. Bei Pitchpine wird das geschliffen, wieder geölt - fertig."
Schreinerin mag Kontrast aus Alt und Neu
Auch Nicola Jelinek kommt immer wieder gern in den besonderen Baumarkt. Die junge Mutter ist Schreinerin und saniert derzeit ein gut 100 Jahre altes Haus. "Ich habe auch viele Möbel selbst gemacht und auch eine Türe gebaut, aber ich mag den Kontrast aus Alt und Neu. Da darf auch so ein Unikat hängen", sagt sie und zeigt auf ein Foto von einer alten Tür, die sie vor Kurzem im Baumarkt gekauft hat. Eine uralte Tür mit einem Riss, den Nicola Jelinek nicht schließen will, weil "so schön das Licht durchscheint".
Bakelit-Schalter, handgeschmiedete Nägel oder Säulen aus Gusseisen - wie viele unterschiedliche Waren im Baumarkt stehen, weiß David Bloos nicht. Tausende seien es auf jeden Fall. Um den Überblick zu behalten, fotografieren er und sein Team die einzelnen Stücke, erstellen kleine Steckbriefe mit den wichtigsten Informationen wie Material, Alter und Herkunft.
Im Baumarkt wartet auch ein ganzer Bahnhof
Manche Baustoffe sind nur kurz in Kirchheim, andere warten seit vielen Jahren auf einen neuen Besitzer. Darunter auch ein Bahnhofsgebäude von 1860. "Der ist Stein für Stein abgetragen und wartet auf Paletten", sagt David Bloos. "Auch da sind wir mehr als gespannt, wohin die Reise geht."