"Man kann auch von einem Massenmörder lernen"

SS-Kommandant Höß war sein Opa: Pastor erfuhr in Schule von Nazi-Vergangenheit seiner Familie

Was bedeutet es, mit dem KZ-Kommandanten Rudolf Höß verwandt zu sein? Bei einer Ausstellung in Kornwestheim hat Enkel Kai Höss darüber gesprochen. Auch die Urenkelin war dort.

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Von Autor/in Ute Weber

Bei einem Besuch in Kornwestheim (Kreis Ludwigsburg) hat Kai Höss seinen Großvater als größten Massenmörder der Geschichte bezeichnet. Rudolf Höß war der KZ-Kommandant in Auschwitz und damit für den Tod von rund einer Million Juden verantwortlich. In Kornwestheim findet aktuell eine Ausstellung über das elsässische KZ Natzweiler und seine Außenstellen in Baden-Württemberg statt. Sie ist bis zum 13. April 2026 im Grundbuchzentralarchiv zu sehen.

In der Schule erfuhr Kai Höss von NS-Vergangenheit des Großvaters

Enkel Kai Höss erfuhr im Schulunterricht, dass er mit dem KZ-Kommandant von Auschwitz verwandt ist. Im Rahmen der Ausstellung in Kornwestheim erzählte er, wie seine Vergangenheit ihn geprägt hat. Denn die Geschichte seines Großvaters lasse ihn bis heute nicht los, erklärte der heutige Pastor. Für ihn sei es unverständlich, wie Großvater Rudolf damals ohne Emotionen zuschauen konnte, wie Menschen vergast und ermordet wurden.

Trotz der Bekanntheit seines Großvaters habe ihn in seiner Jugend niemand auf seine Vergangenheit angesprochen, erzählte Höss. Nach einer Ausbildung zum Koch, machte er Karriere als internationaler Hotelmanager. Seit dieser Zeit schreibt sich Kai Höss mit zwei "s" und nicht mehr wie sein Großvater Rudolf Höß. Eine Krankheit im Ausland wurde für ihn zur Zäsur. Er gründete eine freikirchliche Gemeinde in Renningen (Kreis Böblingen). Heute wirbt er für einen politischen Dialog gegen Hass und Ausgrenzung.

Kai Höss: Man kann auch von einem Massenmörder lernen

Man könne auch von einem Massenmörder lernen, sagte er. "Wir dürfen uns nicht von Ideologien, von Schlagwörtern beeinflussen lassen, sondern müssen hinterfragen. Aber mit dem Herz hinterfragen", so der Pastor.

Während der Ausstellung zeigte ihm ein Besucher ein Poesiealbum mit einem Eintrag von 1947. Denn zu sehen ist die Handschrift von Ingebirgitt Höß, seiner Mutter. Sie hatte geschrieben: "Das Auge klar, die Rede wahr. Das Gewissen rein, so wirst Du glücklich sein." Das Poesiealbum stammt aus der Familie eines früheren Schulfreundes aus Walheim (Kreis Ludwigsburg). Er war extra zur Ausstellung gekommen, um Höss wiederzusehen. Als der Pastor das Zitat seiner Mutter im Album liest, war er sichtlich gerührt.

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Urenkelin Rachel Höss: Demokratie ist nicht selbstverständlich

Nach Kornwestheim ist Kai Höss zusammen mit seiner Tochter Rachel gekommen. Dass sie die Urenkelin des früheren Kommandanten von Auschwitz ist, dazu sagte sie: "Es war ein großer Schock, als Papa uns das erzählt hat." Andererseits sei die Geschichte für sie weit entfernt. Rachel Höss ist überzeugt, dass es aber auch heute wichtig sei, wachsam zu sein. Das betreffe auch die Demokratie. "Wir nehmen das so selbstverständlich hin. Sie wurde aber hart erkämpft. Wir müssen sie verstehen und beschützen."

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