Erst als Rentner erforschte der Stockacher die Vergangenheit seines Vaters und fand heraus, dass dieser sich freiwillig zur SS-Totenkopfdivision gemeldet hatte. Als Wachmann tat der Vater Dienst in Konzentrationslagern der Nationalsozialisten und machte sich mitschuldig am Mord an unzähligen Menschen.
Michael Oswald will in der Öffentlichkeit über seinen Vater sprechen und damit wachrütteln. Denn er beobachtet einen Rechtsruck und eine Verrohung in Teilen der Gesellschaft. Deshalb hat Oswald sich beim SWR gemeldet und vor der Landtagswahl in Baden-Württemberg erzählt, was ihn bewegt.
Viele Jahrzehnte wusste Michael Oswald nichts davon, dass sein Vater Wachmann in Konzentrationslagern war. Er hatte zwar eine Ahnung, weil es ein Foto gab, dass den Vater in der Uniform der SS-Totenkopfdivision zeigte. Aber in seiner Familie gab, auch auf Nachfrage, niemand Auskunft.
Michael Oswalds Vater war KZ-Wachmann in Auschwitz und Buchenwald
Bewusst kennengelernt hat Michael Oswald seinen Vater nicht. Er wurde Anfang 1945 bei einem Angriff der Amerikaner auf Wachleute des KZ Buchenwald bei Weimar erschossen und dort vor Ort in einem Bombenkrater begraben.
Der Sohn war damals noch ein Kleinkind. Michael Oswald ging mit den Gedanken daran, was sein Vater während des Nationalsozialismus getan haben könnte, durchs Leben. Er gründete selbst eine Familie und begann erst im Rentenalter genauer zu recherchieren.
Über Archive und mit der Hilfe von Historikern konnte Oswald die Vergangenheit des Vaters rekonstruieren. Er fand heraus, dass dieser sich 1942 freiwillig zur SS-Totenkopfdivision gemeldet hatte, für den Dienst im Vernichtungslager Auschwitz. 1943 wurde er dann ins Konzentrationslager Buchenwald versetzt. 1944 kam Michael Oswald auf die Welt.
Ich habe Wut. Ganz früher hatte ich einen Hass gegen ihn. Aber den Hass konnte ich ja nirgendwo hin richten. Er ist ja tot.
Offener Brief an den Vater, der bei der SS-Totenkopfdivision war
Wut spüre er, wenn er an seinen Vater denke, sagt Oswald. Anfangs war es auch Hass. Das Foto, das den Vater in der SS-Uniform zeigt, hat er vor einigen Jahren zerrissen und vernichtet. Er habe, so sagt er, die "grauen Augen" und die Kälte im Blick nicht mehr ausgehalten. Auch Scham hat Michael Oswald oft gespürt. In einem offenen Brief an den Vater hat er all diese Gefühle und Gedanken festgehalten.
In diesem Video liest er ihn vor der Kamera vor:
Ein Weg, mit seiner Familiengeschichte umzugehen, ist es für den 82-Jährigen, in der Öffentlichkeit zu sprechen, das Schweigen zu brechen und damit auch wach zu rütteln. Denn Michael Oswald ist zunehmend besorgt.
Der Blick, ich konnte den einfach nicht mehr sehen. Der war so grausam für mich. Deshalb habe ich das Bild zerrissen und vernichtet.
Viele Entwicklungen erinnerten ihn an die Zeit vor der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten, sagt er. Er spürt eine starke Verantwortung, Menschen aufzuklären. Darüber, wie Familienväter aus der Mitte der Gesellschaft, gläubig, katholisch, wie sein Vater, in kürzester Zeit zu Sadisten werden können.
Sohn des KZ-Wachmanns will junge Menschen erreichen
Michael Oswald hat zur Geschichte seines Vaters daher schon vor Schülerinnen und Schülern gesprochen. Vor allem jungen Menschen, wünscht er sich, soll sie eine Mahnung sein. Demokratie und freie Wahlen, wie jetzt die Landtagswahl in Baden-Württemberg - das gelte es zu schützen.
Mir geht es darum, dass junge Leute erfahren, wie schnell Menschen von einem liebevollen Menschen zu Sadisten werden, ohne dass die Umgebung das merkt.
Das gesellschaftliche Klima gegenüber Migranten machten ihm Angst. Die Worte würden immer bösartiger, gingen unter die Gürtellinie. So sei es damals auch gewesen.
Appell: Junge Menschen sollen mit Großeltern über NS-Zeit reden
Oswald glaubt, dass die sozialen Medien heute viele junge Menschen beeinflussen, vor allem solche, die sich ihrer Persönlichkeit und ihres Lebensweges noch unsicher seien. Er möchte Jugendliche ermutigen, ihre Eltern und Großeltern zu befragen, was die zum Thema Nationalsozialismus wissen und sich aus seriösen Quellen zu informieren.
Ich habe Angst, dass die gleiche Situation wiederkommt, wie damals vor etwa 100 Jahren.
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Der Sohn, er versteht bis heute nicht, wieso der Vater sich zur SS gemeldet hat. Der Mann, der Oberhaupt einer Familie mit fünf Kindern war. Mit dem Gang an die Öffentlichkeit aber, will er "sein eigenes Leben zurückfordern".