Zum neuen Schuljahr bekommen Schülerinnen und Schüler regelmäßig lange Einkaufslisten. Die Kosten für Stifte, Hefte und Schulranzen summieren sich. Für einige Familien wird dadurch der Schulbeginn zur finanziellen Belastung.
Schulranzen und Sportbeutel werden an der Schillerschule gesammelt
"Wir geben die Liste bereits vor den Sommerferien aus, dass die Eltern Angebote nutzen können und dadurch etwas sparen", sagt Tamara Bollmann. Die 33-Jährige ist Konrektorin an der Schillerschule in Backnang (Rems-Murr-Kreis) und beobachtet mit ihren Kolleginnen und Kollegen seit Jahren, dass einige Kinder nicht alle Schulmaterialien haben.
Aus diesem Grund hat sie gemeinsam mit ihren Kollegen und Kolleginnen eine Spendensammlung eröffnet, um der finanziellen Belastung für Familien entgegenzuwirken. Im Keller lagert die Schule inzwischen Turnbeutel und Schulranzen.
Über 250 Euro für einen Schulranzen
"Wir haben mittlerweile fast alles hier - gespendete Ordner, Hefte und Schulranzen. Und inzwischen auch Notfallschultüten, die wir dann auch noch packen für die Einschulung, falls ein Kind ohne Schultüte kommt", so Bollmann. Zudem gibt es einen Förderverein, der die Familien zusätzlich unterstützt. Denn neben den Schulmaterialien werden beispielsweise auch Sportschuhe gebraucht, außerdem fallen immer wieder Beiträge für Ausflüge an.
Unweit der Schillerschule in Backnang betreibt Friedrich Kreutzmann seit über 40 Jahren ein Schreibwaren-Geschäft. Auch er hat die hohen Kosten für Familien bemerkt. "In den letzten fünf Jahren sind die Preise zwischen drei und fünf Prozent gestiegen. Inzwischen sind wir bei einem Schulranzen zwischen 250 und 300 Euro."
Staatliche Förderung für Schulmaterialien gibt es auch in Baden-Württemberg
Jede zweite Familie gibt für die Einschulung sogar bis zu 400 Euro aus, wie eine Umfrage zeigt. Zwar gibt es vor allem für sozial schwache Familien auch staatliche Unterstützung, doch die würden nicht alle in Anspruch nehmen wollen, sagt Silke Schmidt-Dencker von der Stuttgarter Kinderstiftung.
"Es ist ein Thema, das von Scham besetzt ist und da braucht es viel Sensibilität von den Lehrerinnen und Lehrern", sagt Schmidt-Dencker. In Deutschland besteht zwar prinzipiell Lernmittelfreiheit, allerdings unterscheiden sich die Regelungen. In den meisten Bundesländern gibt es ein Leihsystem, bei dem Eltern die Schulbücher gegen eine Gebühr ausleihen können. Baden-Württemberg ist neben Sachsen eines von zwei Bundesländern, in denen der Zugang zu Schulbüchern vollständig kostenlos ist.
Auch für die Schulmaterialien gibt es staatliche Förderungen. Das Bildungs- und Teilhabepaket in Baden-Württemberg unterstützt Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene aus einkommensschwachen Familien. Laut dem Gesetz erhalten Schülerinnen und Schüler im Bürgergeldbezug zum Schuljahresanfang 130 Euro und zum Halbjahr 65 Euro für Schulbedarf und -ausstattung. Das Gleiche gilt für Schülerinnen und Schüler, die Leistungen aus dem Asylbewerberleistungsgesetz beziehen.
Ein emotionales Thema, auch für Lehrerinnen und Lehrer
Doch viele Familien würden oftmals nichts von diesen Zuschüssen wissen, erzählt Tamara Bollmann. Für die Konrektorin ist das Thema emotional: "Wenn man als Klassenlehrer Druck aufbaut, weil die Arbeitsmaterialien nicht da sind, dann muss man sich auch daran erinnern, dass es nicht an dem Kind liegt und die Eltern häufig nicht alles besorgen können."
Manche Eltern würden auch nach mehrmaligen Erinnerungen die Materialien nicht besorgen können. Doch auch für solche Fälle hat sich die Schule inzwischen etwas einfallen lassen: "Es gibt bei uns jetzt drei Notfall-Mäppchen mit Füllern, Zirkeln und Geodreieck, dass wenn die Kinder die Materialien nicht haben, wir dann zumindest darauf zugreifen können", so Bollmann.