Gleb sitzt vor seiner Handykamera, im Hintergrund ein Kleiderschrank voller bunter Kleber mit LGBTQA+-Symbolen, zum Beispiel eine Regenbogenflagge. Er lebt in einer Wohnung in Bad Wildbad (Kreis Calw). Obwohl er erst seit rund drei Jahren in Deutschland ist, spricht er gutes Deutsch. Gleb ist schwul und damit geht der 26-Jährige hier, in Deutschland, offen um. In seiner Heimatstadt, Neftejugansk, in Westsibirien gilt das Schwulsein als Extremismus und wird mit Gefängnis bestraft.
Ich konnte in Russland nie ich selbst sein. Ich wusste nie, wem kann ich mich anvertrauen - und wem nicht. Dieses Verstecken war echt schwer.
Befreundeter Polizist warnt: Verlasse sofort Russland
Mit circa 20 Jahren outet er sich bei seiner Mutter und seiner Schwester. Er habe die Fragen, wann er denn endlich eine Freundin nach Hause bringe, einfach nicht mehr ausgehalten. Die Mutter machte sich sofort Vorwürfe, meinte, sie hätte was in der Erziehung falsch gemacht, erzählt Gleb mit einem Schmunzeln. Sein sehr konservativer, regierungstreuer Stiefvater wisse bis heute nicht Bescheid.
Das Schwulsein allein war aber nicht der Hauptgrund für seine Flucht nach Deutschland. Gleb war in Russland politisch aktiv, er engagierte sich in verschiedenen Organisationen und Menschenrechtsinitiativen, unter anderem im Team rund um den Putin-Kritiker und Aktivisten Alexej Nawalny. Ein Freund von ihm ist Polizist in Moskau. Er habe ihn angerufen und sowas gesagt wie "die haben dich auf dem Schirm, du musst das Land verlassen". Gleb überlegt keine Sekunde. Noch am gleichen Tag fährt er über die Grenze nach Kasachstan. Am nächsten Tag schon bekommt er mit, dass die Polizei an verschiedenen Orten nach ihm suche, erzählt er am Telefon.
Endlich in Sicherheit: Eigene Wohnung in Bad Wildbad
In Kasachstan beantragt er das deutsche Visum und bekommt es auch nach einigen Monaten. Sofort kauft er ein Flugticket nach Frankfurt. Nach vielen Monaten in verschiedenen Flüchtlingsunterkünften ist er froh, jetzt eine Wohnung für sich in Bad Wildbad zu haben. Auch wenn Bad Wildbad nicht seine Endstation bleiben soll: "Ich möchte in den Umkreis Stuttgart ziehen, das mit der Bahn ist hier echt ein Problem", erzählt er lachend.
Das erste Jahr in Deutschland war Gleb die meiste Zeit für sich. Er studiert online BWL, verbringt viel Zeit zu Hause. Bis er von dem Verein Weissenburg in Stuttgart erfährt. Hier findet er die russischsprachige queere Gruppe "RussQueers" - für ihn wie eine Art Befreiungsschlag.
Endlich! Ich habe mich hier das erste Mal in Sicherheit und vor allem - gesehen - gefühlt. Das war echt ein gutes Gefühl
Böse Blicke gehören zum Alltag
Trotzdem bekomme er natürlich mit, dass auch in Deutschland, auch in Bad Wildbad, nicht alle offen und tolerant gegenüber der queeren Szene eingestellt sind: "Wenn man öffentlich zeigt, dass man schwul ist, gibt es schon Leute, die einem böse Blicke zuwerfen." Körperliche Gewalt oder Beleidigungen habe er bisher aber zum Glück nicht erlebt.
Das Landeskriminalamt in Baden-Württemberg teilt auf SWR-Anfrage mit, dass im Jahr 2025 insgesamt 200 Delikte unter dem Themenfeld "Queerfeindlichkeit" erfasst wurden. Das sind mehr als in den Vorjahren. 2024 waren es 135 Delikte und 2023 116 erfasste Delikte. Vor solchen Anfeindungen habe Gleb schon Angst, sagt er. Auch die AfD mache ihm Sorge: "Wenn die sich gut mit Putin stellen wollen, kann es sein, dass sie russische Migranten, die wegen politischen Gründen in Deutschland sind, abschieben."
Internationaler Tag gegen Queerfeindlichkeit: Für Sichtbarkeit und Akzeptanz
Um nicht machtlos zu sein, engagiert Gleb sich im Stuttgarter Verein "Weissenburg" und wird sogar Vorstandsmitglied. Außerdem ist er in der Gruppe "RussQueers" aktiv. Am Sonntag, den 17. Mai, ist der Internationale Protesttag gegen Queerfeindlichkeit. Gleb ist mit seinem Verein auf dem Schlossplatz mit einem Infostand vertreten.
Der Internationale Tag gegen Queerfeindlichkeit ist nicht nur ein Tag zum Feiern, er ist wichtig für unsere Akzeptanz und Sichtbarkeit.
Unter dem diesjährigen Motto: "At the Heart of Democracy" (Im Herzen der Demokratie), gibt es ab 15:30 Uhr Infostände, Redebeiträge und Musik. Am 17. Mai 1990 wurde Homosexualität aus dem Krankheitskatalog der Weltgesundheitsorganisation gestrichen. Passend dazu findet am Sonntag um 17:50 Uhr eine Gedenkaktion auf dem Schlossplatz in Stuttgart statt.