In Neckartailfingen (Kreis Esslingen) hat eine Anwohnerin eine Petition gestartet, um den Uhrenschlag der Martinskirche in der Nacht auszusetzen. Er störe den Schlaf. Der Pfarrer hingegen betont, dass der nächtliche Stundenschlag Trost und Halt geben könne. Glocken-Experte Michael Kaufmann kennt solche Konflikte. Er ist Leiter der Aus- und Fortbildung von Glockensachverständigen des Beratungsausschusses für das deutsche Glockenwesen (BADG) an der Hochschule für Kirchenmusik in Heidelberg. Außerdem ist der Musikwissenschaftler auch als Berater und Mediator in Auseinandersetzungen rund um Kirchenglocken aktiv. Im Interview mit dem SWR erklärt er, in welcher Jahreszeit Menschen besonders häufig vom nächtlichen Glockenschlag genervt sind, was der Zeitschlag aus kirchlicher Sicht mit dem jüngsten Gericht zu tun hat und warum in manchen Gemeinden nachts die Glocken zu hören sind und in anderen nicht.
SWR Aktuell: Herr Professor Kaufmann, wie häufig gibt es denn einen Konflikt zu Glockenschlägen in der Nacht?
Michael G. Kaufmann: Die Häufigkeit von Beschwerden ist im Sommer viel, viel weiter oben im Niveau, als im Winter. Das hängt einfach damit zusammen, dass die Leute nachts das Fenster offen haben, um frische Luft zu bekommen. Insofern hören sie dann die Glocken, die sie den Rest des Jahres bei geschlossenen Fenstern nicht hören. Der andere Aspekt ist, dass vor allem im Frühling oder Frühsommer vermehrt Menschen, so habe ich das Gefühl, umziehen. Sie ziehen dann raus aus der Stadt und denken, da ist es jetzt ruhig. Die Luftlinie zum Kirchturm mit Geläut und mit Zeitschlag, also mit Uhr, ist dann nur noch 100 Meter entfernt und plötzlich fühlt man sich dadurch genervt. Es fehlt jeder Traditionsbezug zu diesem Ort oder auch jeder Identitätsbezug. Das ist ein reiner Wohnort.
SWR Aktuell: Wie verbreitet sind Kirchturmglocken, die rund um die Uhr die Zeit schlagen?
Kaufmann: Es gibt unterschiedliche Traditionen. Ich selber bin neben einem Kirchturm groß geworden. Da hat es regelmäßig geläutet und die Uhr hat immer durchgeschlagen. Das heißt, Viertelstunde ein Schlag, halbe Stunde zwei, Dreiviertelstunde drei, volle Stunde vier Schläge plus dann die entsprechende Uhrzeit. Also so, dass man am Tag auf einige hundert Schläge kommt, die einfach auch hörbar sind. Und das sollen sie ja auch sein als Zeichen. Und es gibt Gemeinden, die haben das irgendwann abgestellt, aus welchen Gründen auch immer. Es bedarf nicht unbedingt der Beschwerde, sondern wahrscheinlich auch dessen, wie die eigene Gemeinde das sieht. Aber verbreitet ist beides. Also das heißt, wir haben sowohl das Abstellen um 22 Uhr bis morgens um 6 Uhr und wir haben das nächtliche Durchschlagen, genau wie am Tag auch.
SWR Aktuell: Wie alt ist die Tradition des durchgehenden Uhrenschlags? Musste das früher auch mal händisch gemacht werden?
Kaufmann: Die ersten Kirchturmuhren, die gebaut wurden in der Zeit der Gotik, waren von vornherein mechanisch mit ihren großen Zahnrädern. Die hatten einen Mechanismus eingebaut, in dem zu einem bestimmten Zeitpunkt ein Hammer ausgelöst wird. Dieser Hammer fällt auf die Glocke. Das heißt, ein manuelles Anschlagen war nie notwendig. Es war immer eine Automatisierung, seit es Kirchturmuhren gibt. Und diese Kirchturmuhren hatten ja anfangs die Funktion, überhaupt die Zeit hörbar und sichtbar zu machen. Sichtbar denen, die vor Ort waren, um draufzuschauen, aber hörbar vor allem denen, die vielleicht auf den Feldern, auf den Äckern arbeiteten, um das Signal zu geben, jetzt ist es Zeit für Mittagessen oder Innehalten, ein kurzes Gebet einzulegen. Also die Tradition ist gute 700, 800 Jahre alt.
SWR Aktuell: Welche Bedeutungen haben die Zeitschläge der Kirchenglocken?
Kaufmann: Es ist der religiöse Aspekt, die Vergänglichkeit und auch der teleologische natürlich. Das heißt, auf die Endzeit hin verweisend. Die Uhr läuft sozusagen bis zum jüngsten Gericht. Das sind theologische Fragen, die über die Uhr in die Außenwelt getragen werden. Und wenn sich damit jemand nicht auseinandersetzen möchte, dann ist das sein Problem und seine Einstellung. Es gilt aber genauso für Gemeinden, die es nicht schaffen, ihren Uhrschlag leiser zu bekommen.
SWR Aktuell: Im Fall in Neckartailfingen appellieren Anwohner, die sich vom nächtlichen Zeitschlag gestört fühlen, an die Nächstenliebe und Kompromissbereitschaft der Kirche. Welche Erfahrungen haben Sie in solchen Konflikten als Mediator schon gemacht?
Kaufmann: Ich habe immer wieder solche Fälle auf dem Tisch. Das Ganze löst man am besten im Dialog, bevor es eskaliert. Wenn es eskaliert, dann ist es sehr schwierig. Da hat der Gesetzgeber klare Vorgaben gemacht und die Kirchengemeinden, die so einen Zeitschlag haben, sind verpflichtet, diese Richtwerte einzuhalten. Das ist abhängig von der TA Lärm (Technische Anleitung zum Schutz gegen Lärm). Falls der Uhrschlag zu laut ist, gibt es Möglichkeiten, ihn auch leiser zu bekommen. Es gibt eine Nachtabsenkung. Da wird der Hammer nach oben nicht mehr so geführt wie am Tag. Dann fällt er sozusagen eine kürzere Strecke und ist dadurch leiser. Man kann die Hämmer mit Bronzepuffer versehen, man kann die Schallläden etwas abdichten, das heißt, man verbrettert einen Teil des Auslasses. Wenn eine Gemeinde den Richtwert einhält, dann hat niemand das Recht, dieser Gemeinde zu verbieten, dass sie den Zeitschlag auch nachts durchführt.