Als Charlotte Bosch vier Jahre alt ist, bekommt sie Fieber und ist über Wochen schwach und müde. Ihre Symptome werden zunächst als Magen-Darm-Infekt diagnostiziert. Später wird klar: Sie hat Leukämie. Es komme oft vor, dass Krebserkrankungen bei Kindern nicht sofort erkannt werden, erklärt Magdalena Sokalska-Duhme vom Olgahospital. Die Ärztin hat schon viele junge Patientinnen und Patienten erfolgreich behandelt - Charlotte ist eine davon.
Der September ist Kinderkrebsmonat. In diesem Rahmen möchte das Olgahospital, das Kinderkrankenhaus des Klinikums Stuttgart, auf die erfolgreiche Entwicklung der Behandlung von jungen Patientinnen und Patienten aufmerksam machen. Denn laut dem Olgahospital liegt die Heilungsrate bei Krebs im Kindes- und Jugendalter heutzutage bei mehr als 80 Prozent.
Krebserkrankungen bei Kindern: Was sind die Symptome?
Dass Krebserkrankungen oft nicht direkt erkannt werden, liege daran, dass die Symptome am Anfang ähnlich wie bei Infekten seien. Der Kinderarzt könne nicht gleich beim ersten Fieber eine Blutentnahme machen oder eine Bildgebung veranlassen. Drei Wochen oder mehr bis zur richtigen Diagnose seien daher normal, so Sokalska-Duhme weiter.
Oberärztin: "90 Prozent der Leukämie bei Kindern ist gut behandelbar"
Als sich Charlottes Zustand über mehrere Wochen nicht bessert, wird ihr Blut abgenommen. Das Blutbild und auch eine anschließende Knochenmarksuntersuchung ergeben: Lymphatische Leukämie.
Noch am gleichen Tag starte man dann mit der Behandlung, sagt Sokalska-Duhme, die leitende Oberärztin der Kinderonkologie im Olgahospital des Klinikums Stuttgart. Die meisten Kinder, die Leukämie bekommen, haben die lymyphatische Variante, die gut bis sehr gut behandelbar ist, wie Sokalska-Duhme sagt.
Keine Leukämie mehr: Charlotte Bosch gilt als geheilt
Wenn man Charlotte Bosch heute bei sich zuhause in Steinheim an der Murr (Kreis Ludwigsburg) besucht, sieht alles wie bei den meisten 7-Jährigen aus. Am Küchentisch lernt sie mit ihrer Mama bestimmte und unbestimmte Artikel für den Deutschunterricht. An der Wand hängt aber eine besondere Kette aus vielen Holzperlen, die während der vielen Monate der Krebstherapie entstanden ist.
Die Perlen stehen für die verschiedenen Ereignisse während der zweijährigen Behandlung. Rot für Bluttransfusionen, Wolken für Narkosetermine, eine Mütze als die Haare ausfielen, andere Perlen für Chemotage, Untersuchungen oder den eigenen Geburtstag. "Und die steht für schreckliche Tage und die für Supertage", liest Charlotte von einem Erklärblatt vor.
An vieles aus der Klinikzeit erinnert sich Charlotte nicht mehr so gut. Ihre Mutter Petra Füger-Bosch weiß aber noch gut, dass ihre Tochter tatsächlich auch gerne ins Olgahospital gegangen ist. "Das war ein bisschen der Kindergartenersatz, da waren auch andere Kinder. Es war schon ein bisschen spannender als zu Hause", erzählt Füger-Bosch.
Krebs-Therapie bei einem Kind: Belastung für die ganze Familie
In den ersten sechs bis acht Monaten der in der Regel zweijährigen Chemotherapie bei Leukämie, stehen viele Krankenhausaufenthalte an. Die Kinder bekommen starke Medikamente über einen Venenkatheter. "Da ist kein Kindergarten möglich, da ist keine Schule möglich, da ist kein Urlaub möglich. Also die Familie lebt mit dem Kind quasi hier im Krankenhaus", sagt Charlottes behandelnde Ärztin Magdalena Solaska-Duhme.
In den restlichen Monaten der Chemotherapie werden den Kindern die Medikamente über eine Schlucktherapie verabreicht und sie können wieder nach Hause gehen. "Die Kinder bekommen dann wieder Haare und bessere Laune, müssen bei Fieber nicht immer kommen." Dann seien auch Kindergarten oder Schule wieder möglich.
Ärztin in Stuttgart möchte alle Kinder von Krebs heilen
Warum Kinder Krebs bekommen, ist in den meisten Fällen unklar, sagt Claudia Blattmann, Ärztliche Direktorin der Kinderonkologie im Olgahospital des Klinikums Stuttgart. "Wir finden aber mehr und mehr genetische Gründe dafür."
Ziel ist es, 100 Prozent der Kinder gesund zu machen.
Die Krebsrate und die Art der Erkrankungen sei bei Kindern recht gleichbleibend, sagte sie dem SWR. "Man hatte zum Beispiel Sorge, dass wir mehr Hirntumore sehen bei Kindern, zum Beispiel durch die Nutzung von Handys. Aber das ist nicht der Fall bei Kindern", so Blattmann.
Wunsch: bessere Finanzierung der Kindermedizin
Seit den 1960er Jahren hätten sich die Forschung und die Medikamente so weit entwickelt, dass man die große Mehrheit der Kinder gesund machen könne. "Ziel ist es, 100 Prozent der Kinder gesund zu machen. Da wollen wir hin", ist Blattmanns festes Ziel. "Kinder sind tragend für unsere Gesellschaft. Kinder sind die Zukunft für unsere Gesellschaft. Und wir sollten gerade bei Kindern alles daran setzen die Heilungsraten zu verbessern."
Auch am Olgahospital wird geforscht, mit zwei Studiensitzen um mehr zu Weichgewebs- und Knochentumoren sowie den Therapien herauszufinden. Blattmann wünscht sich außerdem eine bessere Finanzierung der Kindermedizin. Ohne Spenden wäre vieles gar nicht möglich, wie zum Beispiel die Spiel-, Kunst- und Bewegungsangebote während der Therapie, aber zum Teil auch Fachpersonal, wie Erzieher, Psychologen - bis hin zu Ärzten.
Jedes Jahr wieder ins Olgahospital: Nachsorge bis zum 18. Geburtstag
Charlotte ist vom Krebs geheilt, zur Nachsorge wird sie aber bis zu ihrem 18. Lebensjahr regelmäßig ins Olgahospital kommen. "Das ist irgendwie auch schön, die Kinder dann so lange zu begleiten, zu sehen, wie sie Teenager werden, sich verändern, aufblühen. Das gibt auch uns viel Kraft, das Ganze am Anfang mit den Familien durchzustehen", sagt ihre betreuende Ärztin Sokalska-Duhme.
Danach erfolgen die Kontrollen bei Kollegen der Erwachsenenmedizin. Nach einer Chemotherapie müssten immer auch die Spät- und Dauerfolgen der Behandlung im Blick behalten werden, weshalb Herz, Blut und Organe immer wieder gecheckt werden. Denn auch wenn die Kinder von der Tumorerkrankung her gesund seien, würden viele chronische Gesundheitsprobleme mitnehmen, so Blattmann.