Mit dem Programm "Heldenschmiede" wird in Ludwigsburg der Traum vom eigenen Wein wahr: Bereits im vierten Jahr bildet die Stadt Ludwigsburg zusammen mit den Marbacher Weingärtnern Menschen aus, die sich vorstellen können, einen eigenen Weinberg zu bewirtschaften.
Das Programm ist auf zwei Jahre angelegt. Derzeit lernen und arbeiten rund 40 Interessierte vor Ort zwischen Neckarweihingen und Poppenweiler an den Wochenenden und manchmal mittwochs abends. Die meisten kommen aus dem Kreis Ludwigsburg, aber es ist auch jemand aus Ostfildern dabei und sogar aus Karlsruhe. Der Gewinn für die Stadt: Die Teilnehmenden der "Heldenschmiede" werden damit automatisch zu Steillagen-Rettern. Denn die Gebiete entlang des Neckars liegen zu einem großen Teil brach und sind bedroht.
Wenn sich die Brombeeren ausbreiten, kommen die Schädlinge
"Das ist wirklich ein Problem, dass so viele Steillagen verwildern oder gerodet werden", erklärt Sonja Sauter von den Marbacher Weingärtnern. Sie organisiert und leitet die "Heldenschmiede". "Wenn sich einmal in der Nähe des eigenen Hangs die Brombeeren ausgebreitet haben, dann sind sofort die Schädlinge da, etwa die Kirschessigfliege", so Sauter. Zudem gibt es zwischendrin Felshänge. "Da gibt es oft Probleme mit Steinrutsch", erklärt Sauter. Entsprechend gehe es auch um Wiederaufbau.
Die heimatliche Landschaft retten - das war auch der Ansporn für Rainer Müller, bei der "Heldenschmiede" mitzumachen. "Ich habe mich schon immer für die Landschaft hier interessiert, ich wandere auch viel", sagt der gebürtige Ludwigsburger. Dann habe er einen Zeitungsartikel über die "Heldenschmiede" gelesen. "Das hat mich sofort angesprochen, weil ich früher mit Freunden zusammen schon mal die Weinlese mitgemacht habe, und das war immer ein großer Spaß."
Die Steillagen verschwinden und verbuschen leider schon an vielen Stellen.
Außerdem sei er nach rund 40 Jahren Bürotätigkeit jetzt Rentner - die Gelegenheit, um kennenzulernen, was alles so zu tun ist, "bis man eine Flasche Wein hat". Und das in einer "einzigartigen Landschaft" mit diesen Neckar-Steillagen von Stuttgart bis fast nach Heilbronn. "Leider sieht man an verschiedenen Stellen ja schon, wie die verschwinden und verbuschen", erklärt Müller. "Das war für mich auch eine Motivation, die Arbeit im Weinberg selbst auszuprobieren."
Weinbau in den Steillagen statt Landwirtschaft
Elke Bubois und ihr Freund sind schon im zweiten Jahr bei der "Heldenschmiede" dabei. Dazu kam es, nachdem sie mit Freunden zusammengesessen und das Spiel "Was hättest du gemacht, wenn du nicht den Beruf machen würdest, den du gerade hast?" gespielt hat. "Da kam bei mir und meinem Freund raus, dass wir gerne in der Landwirtschaft arbeiten würden", erzählt sie. Und weil die Landwirtschaft im Raum Ludwigsburg der Weinbau sei, habe Bubois dann einfach mal gegoogelt und das "Heldenschmiede"-Programm gefunden.
Für mich ist das die Erfüllung eines Traums.
Sie findet es toll, dass "ganz normale Menschen" sich mit dem Weinbau beschäftigen können. "Für mich die Erfüllung meines Traums, doch noch etwas Landwirtschaftliches neben dem Job machen zu können!" Und funktioniert das? Ja, sie könne das sehr gut neben dem Job machen, sagt Bubois, weil es von den Weingärtnern Marbach einen ausgeklügelten Plan gebe. "Damit kann man sich sehr gut organisieren - und übers Jahr gesehen finde ich den Zeitaufwand nicht zu groß."
Außerdem sei die "Heldenschmiede" sehr gut geplant und organisiert, ergänzt Müller, "so dass man vermutlich tatsächlich nach einem Jahr das alles schon selbst kann." Er wünscht sich jetzt, dass er so ein Projekt schon zehn Jahre früher hätte machen können: "Das wäre dann eine schön entspannende, körperliche Tätigkeit neben meinem Bürojob gewesen." Und mal ein Tag Regen? "Egal!", sagt Müller.
Zunge schulen am Weinberg: Von der Biertrinkerin zur Weintrinkerin
Das Entspannende an der intensiven Arbeit genießt auch Elke Bubois. Am Anfang habe sie gedacht, es gehe hauptsächlich ums Weintrinken, sagt sie lachend. Aber sehr schnell sei klar gewesen: Mit den Coaches geht es ans Eingemachte, ans Handwerk. "Wir arbeiten mit den Jahreszeiten, das begeistert mich", erklärt Bubois. "Wir lernen so viel über Chemie, Physik, Weinkunde, Gartenarbeitskunde, Sensorik, ... Das ist wie eine richtige Ausbildung." Sie komme als "total ausgeglichener Mensch" aus dem Weinberg.
Nach drei, vier Stunden Arbeiten komme ich als total ausgeglichener Mensch aus dem Weinberg.
Da sie selbst aus Thüringen nach Ludwigsburg zugezogen ist und ihr Freund aus dem Saarland kommt, fühlen sich die Beiden auch durch das Arbeiten im Weinberg jetzt richtig heimisch. "Alle, die das hier machen, sind ja schon seit Jahrzehnten im Weinbau und haben das in der DNA. Wir jetzt auch!" Vor der "Heldenschmiede" hätten sie sogar nur Bier getrunken, "weil wir keine geschulte Zunge hatten. Uns fehlte die Sensorik dafür. Jetzt haben wir uns zu richtigen Württemberger Weintrinkern entwickelt", sagt sie lachend.
"Heldenschmiede" in Ludwigsburg: Aus Fremden werden Freunde
Das Allertollste bei der "Heldenschmiede" sei für Müller und Bubois aber die Gemeinschaft. "Hier kommen Menschen zusammen, die sich sonst nie irgendwie anders finden würden", sagt Bubois. "Da werden aus Fremden Freunde, die sogar zusammen Weinberge kaufen und weiterbetreiben wollen. Und das ist sehr erfüllend", sagt Bubois. Genau das planen ihr Freund und sie nämlich gerade ganz konkret: mit anderen Kurs-Teilnehmenden einen Weinberg übernehmen. "Und dann machen wir das für immer!"
Projektleiterin freut sich über Leidenschaft und Engagement
Diese Qualität von Gemeinschaft hebt auch Sonja Sauter hervor: "Es ist total schön für uns zu sehen, dass da Interesse und Leidenschaft entstehen. Einer allein kann die Steillagen nicht komplett retten, aber diese vielen kleine Schritte des Engagements, das freut uns natürlich." Und auch wenn es entgegen Bubois' erster Erwartung nicht die ganze Zeit ums Weintrinken geht: Natürlich wird auch verkostet nach der Arbeit - gemeinsam natürlich, unter neu gewonnenen Freunden.