Man sieht der Frau kaum an, was sie durchlitten hat. Denn auf der Bühne der Staatlichen Hochschule für Musik und Darstellende Kunst (HDMK) in Stuttgart hat Maria Kalesnikava am Freitagabend gestrahlt. Nach ihrer über fünf Jahre langen Haft in Belarus ist es der erste Auftritt für die Musikerin in der Landeshauptstadt. Zu Stuttgart hat sie einen besonderen Bezug.
Bevor sie im Jahr 2020 in den belarussichen Wahlkampf gegen Präsident Lukaschenko eingestiegen ist, hat Maria Kalesnikava in Stuttgart studiert und dann als Flötistin und Kulturmanagerin gearbeitet. Ihr Einsatz für Demokratie in Belarus brachte sie ins Gefängnis. Ein belarussisches Gericht verurteilte sie zu elf Jahren Haft. Lange Zeit war sie dort isoliert, wäre durch unmenschliche Bedingungen im Gefängnis fast gestorben. Erst im Dezember vergangenen Jahres wurde sie unter anderem auch auf internationalen Druck überraschend frei gelassen. Mit dem Konzert "Klänge der Freiheit - Konzert für und mit Maria Kalesnikava" wurde sie an der HMDK als Musikerin und mutige Aktivistin gefeiert. Bei ihrem Bühnencomeback sprach sie mit dem SWR über die Zeit in Haft, ihren Optimismus und ihre Zukunftspläne.
SWR Aktuell: Was ist es für ein Gefühl, wieder an Ihrer alten Hochschule in Stuttgart zu sein?
Maria Kalesnikava: Es ist ein ganz besonderer Abend für mich und ich freue mich wahnsinnig, all meine Lehrer, Lehrerinnen, Freundinnen und Freunde hier zu treffen und auf der Bühne mit ihnen zusammen zu sein. Hier bin ich mit meinem Ensemble, mit dem ich früher gespielt habe. Das macht mir sehr viel Freude. Es ist eine unglaublich schöne Zeit für mich.
SWR Aktuell: Was bedeutet Ihnen Musik?
Kalesnikava: Es ist ein Teil von mir, noch seit der Kindheit. Musik und Kunst haben mir auch geholfen, die schwierigen Zeiten zu überleben.
SWR Aktuell: Bei der Probe haben Sie auch sehr viel gelacht. Wie wichtig ist das Lachen für Sie?
Kalesnikava: Ohne Humor und Lachen ist es nicht möglich, in unserer Welt zu überleben. Es ist sehr gesund, weil man auch schwierige Zeiten mit Humor, Ironie und viel Selbstironie überstehen kann. Es ist auch eine riesige Waffe gegen die Diktatur. Denn alle Diktatoren möchten keine Leute, die lächeln, weil Lachen, Witze und Spaß machen, ein Zeichen von Freiheit ist. Und Diktatoren mögen das einfach nicht.
SWR Aktuell: Sie scheinen Ihren Optimismus nicht zu verlieren, egal was Sie erleben. Wie haben Sie diese lange Gefängniszeit mit zwei Jahren Isolationshaft überstanden?
Kalesnikava: Eigentlich ist mein Optimismus während dieser Zeiten noch mehr gewachsen. Ich bin sicher, dass wir Menschen viel stärker sind, als wir denken. Jeder hat seine innere Kraft. Man muss ihr nur helfen, zu wachsen und herauszukommen.
SWR Aktuell: Wie schafft man es allein in einer Zelle?
Kalesnikava: Ich bin ein Beispiel dafür, dass man auch so sein kann. Mit Humor, Optimismus, mit Kunst und Musik. Auch die Liebe von Familie und Freunden hilft. Und Bücher.
SWR Aktuell: Wie war es für Sie, wieder im normalen Leben anzukommen?
Kalesnikava: Eigentlich habe ich mein normales Leben auch im Gefängnis gelebt. Jeder Tag war ein Tag für mein persönliches, inneres Leben. Und das konnte mir niemand stehlen.
SWR Aktuell: Was sind denn Ihre Pläne für die nächsten Monate und Wochen?
Kalesnikava: Immer weiter nach vorne gehen, Spaß machen und das Leben genießen.
SWR Aktuell: Sie haben im Gespräch mit Sandra Maischberger erzählt, dass die Sanktionen gegen Belarus Sie selbst auch treffen und Sie zum Beispiel nicht auf ihr Konto zurückgreifen können. Hat sich da irgendwas gewandelt?
Kalesnikava: Ja, das hat sich erledigt. Das war aber nur ein Beispiel, wie die Sanktionen und überhaupt die ganze Situation die Belarussen und Belarussinnen belasten. Europa kann nämlich viel mehr beeinflussen in Belarus. Zum Beispiel indem wir über die Leute sprechen, die noch im Gefängnis sind und über die Repressionen, die noch nicht zu Ende sind. Die Europäische Union hat genügend Instrumente, um die Repressionen zu stoppen, sogar die Leute aus dem Gefängnis freizulassen und Belarus wieder in eine europäische Richtung zu helfen.
SWR Aktuell: Man hört stark raus, dass Sie sich auch in Zukunft für Belarus und die Menschen dort einsetzen möchten.
Kalesnikava: Ja, weil die Menschen das Wichtigste sind.