Im Auftrag der Stadt Kornwestheim (Kreis Ludwigsburg) hat die Historikerin Anne Sudrow ein Gutachten über den Ehrenbürger Ernst Sigle erstellt. Er prägte als Aufsichtsratsvorsitzender der Salamander AG Kornwestheim umfangreich. Wegen seiner Verwicklungen in der NS-Zeit empfiehlt die Historikerin nun aber die Umbenennung des Ernst-Sigle-Gymnasiums und unter Umständen auch die Aberkennung der Ehrenbürgerwürde.
In nationalsozialistische Verbrechen eingebunden
Das Gutachten umfasst mehr als 120 Seiten und befasst sich mit der Aufarbeitung der NS-Vergangenheit von Ernst Sigle. Darin heißt es unter anderem: "Ernst Sigle und das von ihm geleitete Unternehmen (Schuhhersteller Salamander) waren aktiv in nationalsozialistische Verbrechen eingebunden". Die damaligen politischen Äußerungen Ernst Sigles ließen keine Distanz zur NS-Ideologie erkennen. Politische Gegner des Regimes sowie jüdische Personen seien seit 1933 aus dem Unternehmen bewusst verdrängt worden.
Der schwerste Vorwurf ist laut dem Gutachten der Zusammenhang des Schuhherstellers mit dem Konzentrationslager Sachsenhausen. Dort sollen KZ-Häftlinge zur Testung neuer Werkstoffe und Schuhkonstruktionen eingesetzt worden sein. Ernst Sigle soll laut dem Gutachten über diese Versuche informiert gewesen sein.
Berufliche Laufbahn und Ernennung zum Ehrenbürger in Kornwestheim
Ernst Sigle wurde 1872 in Kornwestheim geboren. Seine berufliche Laufbahn begann er laut der Stadt 1887 als Schusterlehrling in der Werkstatt seines Bruders Jakob Sigle. Dieser habe nach 1891 gemeinsam mit Max Levi die Firma "Jakob Sigle & Cie. Schuhfabriken" gegründet. Später kam laut Salamander noch der Berliner Rudolf Moos ins Spiel, so wurde demnach 1905 die "SALAMANDER Schuhgesellschaft GmbH" gegründet.
Nach Angaben der Stadt Kornwestheim wurde Ernst Sigle 1930 in den Aufsichtsrat der "Salamander AG" berufen und später zu dessen Vorsitzenden gewählt. 1927 wurde er zum Ehrenbürger von Kornwestheim ernannt. Er starb 1960 im Alter von 88 Jahren.
Ernst Sigle hat Kornwestheim geprägt
Das Gutachten mache zunächst deutlich, dass Ernst Sigle zweifellos zu den prägenden Unternehmerpersönlichkeiten der Stadtgeschichte zählt, so die Stadt Kornwestheim. "Seine Leistungen für den wirtschaftlichen Aufstieg des Unternehmens Salamander und damit auch für die Entwicklung Kornwestheims werden von der Historikerin ausdrücklich gewürdigt", heißt es in einer Mitteilung.
"Andererseits wollen und dürfen wir die damit verbundenen Verstrickungen in NS-Unrecht nicht ausblenden. Ich empfehle, der Historikerin in ihrem Urteil zu folgen", teilt Oberbürgermeister Nico Lauxmann (CDU) auf Anfrage des SWR mit. Mehrere Fraktionsvorsitzenden aus dem Gemeinderat teilen nach Angaben der Stadt diese Ansicht. Demnach soll neben dem Entzug der Ehrenbürgerschaft auch die Umbenennung des Ernst-Sigle-Gymnasiums im Gemeinderat diskutiert werden.
Vergangenheit von Ernst Sigle beschäftigt Schule schon lange
Die Schule wurde 1948 gegründet. Christoph Mühlthaler ist dort seit zehn Jahren Schulleiter. Das Thema, welche Rolle Ernst Sigle im Nationalsozialismus gespielt habe, sei in den letzten Jahren immer wieder aufgekommen. "Ich bin dankbar, dass es das Gutachten jetzt gibt, damit wir eine Grundlage haben, das hat in der Vergangenheit gefehlt", sagt Mühlthaler.
Im Eingangsbereich der Schule stehe auch eine Statue von Ernst Sigle. "Aber ich glaube, wenn wir die Mehrheit unserer Schüler fragen, können die mit der Person sehr wenig anfangen. Das ist halt ein Name, aber ehrlich gesagt, auch keine Identifikationsfigur an unserer Schule", so Mühlthaler. Insofern glaube er, dass die meisten Schüler es gut nachvollziehen könnten, wenn der Name geändert werden sollte.
Im Juni soll es eine Entscheidung geben
Am Montag, 18. Mai, lädt die Stadt Kornwestheim zu einer Informationsveranstaltung ein. Dort wird Historikerin Anne Sudrow das Gutachten vorstellen. Mit möglichen Konsequenzen will sich der Gemeinderat dann im Juni befassen.