Zuschüsse für Integrationskurse gestrichen

Migrationsberatungen vermeiden 216 Millionen Euro Folgekosten in BW

Der Bund muss sparen und streicht Zuschüsse für Integrationskurse und andere soziale Projekte. Wieviel lässt sich damit sparen? Eine Studie zu Migrationsberatungen liefert Zahlen.

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Von Autor/in Sophie Rebmann

Mit einer Umarmung begrüßt Beraterin Budimka Balazi die elegante junge Frau, die durch die Tür der Migrationsberatung der Caritas in Stuttgart kommt. Balazi ist wichtig, alle Neuankömmlinge willkommen zu heißen und für sie da zu sein. Und bei Diletta Christodaro ist die Begrüßung besonders herzlich - die beiden kennen sich schon lange.

Menschen willkommen zu heißen, das ist Budimka Balazi auch aus eigener Erfahrung wichtig - sie ist selbst vor 30 Jahren vor dem Krieg in Kroatien geflohen. "Ich weiß, was es bedeutet, zur Ausländerbehörde zu gehen, was es bedeutet, wenn die Person, die mir gegenübersteht, offen ist für mein Anliegen. Das führt mich in meiner Arbeit", sagt sie und setzt sich neben Diletta Christodaro am runden Tisch in ihrem Büro.

Schwanger und mittellos auf der Straße

Diletta Christodaro kam 2014 aus Sizilien nach Stuttgart, da war sie 18 Jahre alt. "Ich wollte alleine etwas für mich schaffen und deswegen habe ich gesagt, okay, ich fliege jetzt einfach mal nach Deutschland, da ist Arbeit und viele Möglichkeiten." Nicht einmal ihre Eltern wussten von dem Plan. Aber eine Arbeit findet sie nicht, und auch das Geld ist schnell weg: Die ersten Nächte über schläft sie noch in Hotels, dann sitzt sie schwanger und mittellos auf der Straße. "Das sind so Erinnerungen, die schwer sind und manchmal kommen auch die Tränen, wenn ich daran denke", sagt sie rückblickend.

Diletta Christodaro in der Migrationsberatung
Diletta Christodaro hat einen weiten Weg hinter sich. Nach ihrer Ankunft aus Sizilien in Stuttgart saß sie schwanger und mittellos auf der Straße. Jetzt hat sie einen guten Job und eine eigene Wohnung.

In dieser Zeit hat ihr Budimka Balazi von der Caritas sehr geholfen: Sie hat sie bei der Suche nach einer Arbeit unterstützt, einen Deutschkurs mit Kinderbetreuung vermittelt und ihr später vom Dualen Studium erzählt. Die erste Frage, das erste Anliegen sei oft nur ein Türöffner, so Balazi: "Und wenn man dann merkt, okay, da ist jemand, mit dem ich sprechen kann, dem ich vertraue, und spüre: Ich bin da jetzt im Moment richtig, dann kann ich mich öffnen und andere Fragen stellen." Sie und die anderen Beraterinnen helfen etwa beim Ausfüllen von Formularen oder bei der Anerkennung von Zeugnissen. Ganz wichtig sei ihnen dabei, dass die Menschen Schritt für Schritt selbstständiger werden.

Von der Wohnungslosigkeit in einen guten Job: eine Erfolgsstory

Diletta Christodaro ist längst unabhängig. Sie spricht fließend Deutsch, hat sich in einem kompetitiven Bewerbungsprozess für einen Job am italienischen Konsulat durchgesetzt und hat eine eigene Wohnung gekauft. Ihre Tochter habe sich zu einer starken jungen Frau entwickelt. "Heute kann ich sagen, ich bin ganz glücklich."

Beraterin Budimka Balazi
Beraterin Budimka Balazi will etwas zurückgeben - sie ist vor 30 Jahren selbst vor dem Krieg in Kroatien geflohen und hat damals Hilfe bekommen.

Lebensgeschichten wie die von Diletta Christodaro sind ein guter Beweis dafür, dass sich Migrationsberatungen rechnen - für die Migranten und die Gesellschaft. Davon sind die Berater und die Träger der Beratungen, die Wohlfahrtsverbände wie Caritas, Diakonie, Awo und Rotes Kreuz überzeugt. Die Migrationsberatungen für erwachsene Zugewanderte richten sich an Migranten, EU-Bürger und Flüchtlinge, die in Deutschland bleiben dürfen. Geholfen wird bei der Arbeitssuche, bei der Anerkennung von Berufsabschlüssen, Deutschkursen und beim Ausfüllen von Formularen.

Migrationsberatung vermeidet 216 Millionen Euro Folgekosten jährlich

Seit Februar haben die Träger der Beratungen auch Zahlen, die das beweisen: Sie haben für Baden-Württemberg eine Studie in Auftrag gegeben, in der anhand von Beispielen aus der Beratung analysiert wurde, welche langfristigen Probleme vermieden werden konnten, wenn Berater früh eingeschritten sind. Die Studie nennt Isolation aufgrund von mangelnden Sprachkenntnissen, Überschuldung sowie Arbeits- und Wohnungslosigkeit, aber auch schwere Psychosen, Inobhutnahme von Kindern oder Gefängnisaufenthalte. Dann haben die Studienmacher errechnet, wieviel Geld dafür ausgegeben worden wäre. Das Ergebnis: Für jeden Euro, der in Beratungen investiert wurde, spart die öffentliche Hand 25 Euro an Folgekosten ein.

"Wenn wir das hochrechnen auf Baden-Württemberg und die Anzahl der Ratsuchenden und die Anzahl der Beratungsstellen berücksichtigen", ergänzt Philipp Neurath, "dann sind es im ersten Beratungsjahr 216 Millionen Euro, die wir an Kosten vermeiden." Das Ergebnis habe die Verbände dann auch überrascht, so der Vorsitzender im Ausschuss Migration der Liga der freien Wohlfahrtspflege.

Migrationsberatung weitermachen

Damit wollen sie in Zukunft argumentieren, wenn sie Folgeanträge für das Projekt schreiben, so Neurath. Denn obwohl es die Migrationsberatung für erwachsene Zugewanderte seit mehr als 20 Jahren gibt, so müssen sie die Gelder dafür doch jedes Jahr aufs neue vom Bund beantragen. Er zahlt 90 Prozent der Kosten, 10 Prozent übernehmen die Wohlfahrtsverbände, so der Plan. In der Realität müssten die Wohlfahrtsverbände aber bis zu 30 Prozent der Kosten übernehmen - etwa weil qualifizierte und langjährige Mitarbeitende mehr Honorar bekämen, sagt Neurath.

Auch Beraterin Budimka Balazi hofft, dass sie weitermachen kann. "Ich denke, das ist unglaublich wichtig, dass man so eine Stelle hat, wo man sich öffnen kann."

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Sophie Rebmann
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