Mehr Einsatz von Politik und Justiz gefordert

Stiller Protest im Brautkleid gegen Femizide und Gewalt an Frauen

In Stuttgart haben am Samstagvormittag Dutzende Frauen in Brautkleidern für Aufsehen gesorgt. Mit einem stillen Marsch machten sie auf die gezielte Tötung von Frauen aufmerksam.

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Stand

Von Autor/in Olga Henich

Rund 40 Frauen im Brautkleid, mit Schleier und Brautstrauß, sind am Samstagvormittag schweigend durch die Stuttgarter Innenstadt marschiert. Jede der Teilnehmerinnen stand für eine Frau, die im vergangenen Jahr von ihrem Partner oder Ex-Partner ermordet wurde.

Stiller Protest in Brautkleidern gegen Femizide und Gewalt an Frauen in Stuttgart
Stiller Protest in Brautkleidern gegen Femizide und Gewalt an Frauen in Stuttgart Olga Henich

Sie trugen keine Plakate und skandierten keine Parolen. Ihr Protest war stumm. Begleitet wurden sie von etwa 30 Männern und Frauen, die schwarze Kleidung trugen, Flyer verteilten und Passantinnen und Passanten für ein Gespräch zur Verfügung standen.

Es ist ein stiller Protest, der nicht lauter sein könnte.

Es sei ein stiller Protest, der eigentlich nicht lauter sein könnte, sagt Lila Kurz-Ottenwälder. Sie ist eine von vier Initiatorinnen des Protestmarsches. Ideengeberin für die Performance mit Brautkleid ist die Mitorganisatorin Alkie Osterland: "Das Brautkleid steht für Liebe, Vertrauen, Unschuld und ein gesellschaftliches Versprechen. Der stille Zug macht sichtbar, wie oft dieses Versprechen für Frauen in tödlicher Gewalt endet." Gemeinsam mit anderen Teilnehmerinnen fordert sie mehr Aufmerksamkeit für das Thema.

Fast jeden dritten Tag wurde 2024 eine Frau in BW getötet

Fast täglich werde in Deutschland eine Frau getötet, nur weil sie eine Frau ist, heißt es beim baden-württembergischen Sozialministerium. Allein in Baden-Württemberg wurden im Jahr 2024 135 Frauen und Mädchen Opfer eines versuchten oder vollendeten Tötungsdeliktes. Weltweit werden Frauen etwa alle zehn Minuten von Partnern oder männlichen Familienmitgliedern umgebracht, schätzen die Vereinten Nationen. Die Dunkelziffer könnte noch höher sein. "Das ist eine verheerende Statistik, und Femizide sind ein strukturelles, gesellschaftliches Problem", so Kurz-Ottenwälder.

Stiller Protest und in Brautkleidern gegen Femizide und Gewalt gegen Frauen in Stuttgart
Stiller Protest in Brautkleidern: In Stuttgart protestierten mehrere Dutzend Menschen gegen Femizide und Gewalt gegen Frauen. Sie fordern von Politik und Justiz, dass mehr zum Schutz getan wird. Olga Henich

Protest-Teilnehmerinnen sind Betroffene von Gewalt

Die Teilnehmerinnen des Protests sind selbst Betroffene. Diana König zum Beispiel nahm am Marsch teil, weil ihre Tante vor wenigen Jahren von ihrem Ehemann ermordet wurde. Kurz nachdem sie sich von ihm nach 50 Jahren Beziehung getrennt hatte, tötete er sie. "Er hat nicht nur meine Tante getötet, sondern unsere ganze Familie für immer zerstört", sagt König. Sie fordert, solche Taten klar als Femizid zu benennen und nicht als "Beziehungstat" oder "Familiendrama" zu verharmlosen. "Es sind gezielte Morde an Frauen, die Männer aus Eifersucht oder Besitzansprüchen ausüben", so König.

Er hat nicht nur meine Tante getötet, sondern unsere ganze Familie zerstört.

Auch Dorothea Lutz weiß, welche Folgen Gewalt haben kann. Sie bezeichnet sich selbst bewusst nicht als Opfer, sondern als Überlebende von Gewalt, die für sie hätte tödlich hätte enden können. Ihr Mann habe sie 13 Jahre lang misshandelt und bedroht. Sie möchte darauf aufmerksam machen, wie schwer es für Frauen sein kann, sich von einem gewalttätigen Mann zu trennen.

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Selbst Jahre nach der Trennung lebe sie in Gefahr und beklagt, dass Behörden ihr nicht genug Schutz bieten können. Lutz fordert, dass in der Gesellschaft die Scham die Seite wechselt und sich nicht die Opfer, sondern die Täter verantwortlich fühlen: "Warum fragt man eigentlich Frauen, warum sie nicht gegangen sind und nicht Männer, warum sie es getan haben?"

Femizide in der Region Stuttgart sind keine Einzelfälle

Dabei sind Schicksale wie bei den beiden Frauen allein in der Region Stuttgart keine Einzelfälle. Einer der jüngsten mutmaßlichen Femizide ist der Angriff im Stuttgarter Einkaufszentrum Milaneo. Dort hat mutmaßlich der Ehemann seine Frau, die getrennt von ihm lebte und zu der er bereits ein Kontaktverbot hatte, mit Stichen schwer verletzt und anschließend angezündet. Die Frau ist nach wochenlangem Kampf um ihr Leben an ihren Verletzungen im Krankenhaus gestorben.

Im Schwesternwohnheim des Klinikums Stuttgart hat ein Mann mutmaßlich seine von ihm getrennt lebende Frau im Januar getötet. Bereits 2023 war im selben Wohnheim eine Pflegeschülerin des Klinikums von ihrem Ex-Partner getötet worden.

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Gewalt: Auch Männer sollen sich mitverantwortlich fühlen

Die Teilnehmerinnen des Protestmarsches fordern ein Umdenken in Gesellschaft, Politik und Justiz. Bislang habe der Begriff Femizid im deutschen Justizsystem keine Rolle gespielt. "Wenn ein Mann seine Frau erschlägt, wird es meist als Totschlag gewertet und milder bestraft als ein Mord", so Kurz-Ottenwälder.

Auch für Prävention müsste mehr getan werden. Ingesamt wünschen sich die Protestierenden aber auch, dass Männer sich mitverantwortlich fühlen. "Auch Männer müssen sofort einschreiten, wenn sie übergriffiges Handlungen mitbekommen, denn Männer reagieren am besten auf ihre Geschlechtsgenossen."

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Olga Henich
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