Wer psychische Probleme hat, schweigt oftmals. Denn psychische Probleme werden häufig immer noch anders in der Gesellschaft gesehen als andere Krankheiten. Betroffene werden ausgegrenzt. Gerade Jugendliche haben aber noch viel größere Angst vor Stigmatisierung und Ausgrenzung als Erwachsene. Deshalb suchen sich Jugendliche noch seltener Hilfe als Erwachsene bei psychischen Problemen.
Ziel von Workshops: Weniger Scham bei psychischen Problemen
Larissa Mack will das ändern. Sozialarbeiterin beim Kreisdiakonieverband ist auf dem Weg in die Geschwister-Scholl-Realschule in Winnenden (Rems-Murr-Kreis), will mit Jugendlichen über psychische Probleme reden. Ihr Ziel: Scham und Hemmungen nehmen, über Hilfsangebote aufklären. An ihrer Seite ist eine ganz besondere Expertin. Lizanne Kohm, Ende 20, pharmazeutisch-technische Assistentin, arbeitet in einer Apotheke und leidet selbst unter psychischen Problemen.
Sie hatte früher in der Schule Angstzustände und Depressionen. Jetzt will sie mit Schülern darüber reden. Oder wie sie es sagt: "Ich mach mich heute nackig." Sie ist aufgeregt. Denn Schülerinnen und Schülern von ihren eigenen psychischen Schwierigkeiten in der Schule zu erzählen, das macht sie bei diesem Besuch in Winnenden zum ersten Mal.
Lizanne Kohm hatte selbst Depressionen und Angstzustände
Lizanne Kohm musste in ihrer Jugend mehrfach neu ankommen: mehrere Wohnortwechsel der Familie als Kind, immer eine neue Schule, eine neue Klasse. Sie fühlte sich oft ausgegrenzt, bekam Depressionen und Angstzustände. Ein offenes Gespräch in der Schule, das hat sie damals vermisst. Deswegen geht sie heute selbst in die Schule, will Flagge zeigen.
Die pharmazeutisch-technische Assistentin sagt: "Mir ist es wichtig, dass ich, auch wenn es nur eine Person hier in dem Klassenzimmer gibt, dass ich die erreiche. Dass da vielleicht jemand sich die Hilfe holen kann."
Mit Prävention bei psychischen Problemen "vor die Krise kommen"
Die Verantwortlichen des Präventionsprojekt, für das sich der Kreisjugendring, der Kreisdiakonieverband und das Zentrum für Psychiatrie in Winnenden zusammengetan haben, finden es wichtig, möglichst früh Zugangsmöglichkeiten für Hilfe zu zeigen. So hat beispielsweise Valerie Bieder, Sozialarbeiterin beim Kreisjugendring Rems-Murr, in ihrer täglichen Arbeit immer häufiger mit Jugendlichen zu tun, die psychisch erkrankt sind und bei denen deshalb der Abbruch der Schule oder einer Ausbildung drohe. Daher sei es wichtig, früh anzusetzen.
Psychische Erkrankung haben einen langen Ursprung und eine Vorgeschichte.
Die Macherinnen und Macher des Projekts wollen mit den Schulbesuchen "vor die Krise" kommen. Auch Klaus Kaiser vom Zentrum für Psychiatrie in Winnenden will vermeiden, dass Probleme und Krankheiten lange unbehandelt bleiben: "Die Anzahl an Behandlungen junger Menschen ist angestiegen und wir wissen, dass eine psychische Erkrankung nicht von jetzt auf gleich entsteht, sondern einen langen Ursprung hat und eine Vorgeschichte."
Anne Greiner, Lehrerin und Präventions-Beauftragte der Geschwister-Scholl-Realschule in Winnenden, ist jedenfalls sehr froh, dass die beiden Referentinnen heute hier sind, um mit ihren Schülern ganz offen zu reden. "Viele wissen gar nicht, dass es auch normal ist, dass man psychische Belastungen hat, dass jeder anders ausgerüstet ist, damit umzugehen."
Expertin outet sich als Betroffene: Schüler sind beeindruckt
Mittlerweile hat der Workshop begonnen. Die Schülerinnen und Schüler, auffallend konzentriert, sind in Gruppen aufgeteilt. Eine erarbeitet einen Werkzeugkoffer, was bei psychischen Problemen vielleicht helfen kann. Viele Wortmeldungen. Und als dann Lizanne Krohm überraschend aufdeckt, dass sie nicht Psychologin, sondern Patientin ist und Hilfe brauchte, da sind die Jugendlichen beeindruckt: Da redet eine offen über ihre seelischen Nöte.
Schülerin Daria findet das sehr mutig, es habe aber auch Mut gemacht, "denn sie hat es ja weit gebracht und hat es raus geschafft und lebt damit weiter". Mitschüler Mohammed nimmt für sich mit, dass man andere Menschen wie Lehrer, Familie oder Sozialarbeiter einweihen kann. Simon ergänzt: "Wenn ich merke, dass es jemandem vielleicht schlechter geht, dann würde ich ihn auf jeden Fall erstmal fragen, ob er mir vielleicht erzählen könnte, dass ich ihm dann auch helfen kann oder sowas."
Präventionsprojekt im Rems-Murr-Kreis: Finanzierung gefährdet
Zu spüren ist: Die Kinder gehen mit vielen Gedanken im Kopf nach Hause, haben Worte gefunden, um über psychische Probleme zu reden.
Dieses Jahr finanzierte ein europäischer Sozialfonds als Anschub den Großteil der Kosten des Projekts. Das Geld wird es nächstes Jahr nicht mehr geben, damit ist der Fortgang des Projekts unklar. Es fehlen rund 80.000 Euro.