Es gibt immer mehr rechtsextreme Vorfälle an Schulen. In ganz Baden-Württemberg gab es nach Informationen des Kultusministeriums im Rahmen der Meldepflicht für diskriminierende Vorfälle seit Juli 2025 insgesamt 64 Fälle an Schulen - bis auf einen waren alle rechtsextrem motiviert. Die Dunkelziffer dürfte höher liegen.
Seit Jahren mehr Diskriminierung an Schulen
Der Regierungsbezirk Stuttgart bildet keine Ausnahme. Sowohl Schüler und Eltern als auch Lehrkräfte berichten dem SWR, dass es sich nicht um Einzelfälle handelt, sondern dass die Hemmschwelle sinke. Die Zahl der Fälle, die dem Regierungspräsidium Stuttgart gemeldet werden, belegen das.
Erst seit dem Schuljahr 2023/24 werden rechtsextremistische Vorfälle gesondert erfasst. Der Regierungsbezirk Stuttgart erstreckt sich von Geislingen (Kreis Göppingen) bis Wertheim (Main-Tauber-Kreis), von Crailsheim (Kreis Schwäbisch Hall) bis Herrenberg (Kreis Böblingen). Auch die Ostalb gehört dazu.
| Schuljahr | Gesamtfälle | rechtsextremistisch | ethnisch-diskriminierend |
| 2020/21 | 16 | ||
| 2021/22 | 5 | ||
| 2022/23 | 9 | ||
| 2023/24 | 43 | 30 | 13 |
| 2024/25 | 46 | 33 | 13 |
| 2025/26 | 20 | 16 | 4 |
Bericht über Hitler-Grüße an Geislinger Gymnasium
Der Vater einer Schülerin des Michelberg-Gymnasiums in Geislingen (Kreis Göppingen) berichtet von wiederkehrenden Vorfällen an der Schule: Seine Tochter erzählte ihm bereits 2023, dass ihr ein Mitschüler im Unterricht den Hitlergruß gezeigt und "Heil Hitler" gerufen habe. 2025 seien zwei weitere Mitschüler mehrmals im Unterricht und in den Pausen mit Hitlergrüßen und "Heil-Hitler"-Rufen aufgefallen.
Dieselben Schüler hätten sich auch als Zuhörer im Publikum laut über den Sohn einer KZ-Überlebenden lustig gemacht, als der über das Thema gesprochen habe. Mitschülerinnen seiner Tochter hätten das bestätigt. Die Vorfälle seien der Schulleitung, dem Regierungspräsidium Stuttgart und dem Kultusministerium gemeldet worden, hätten aber keine Konsequenzen gehabt.
In gravierenden Fällen ermittelt der Staatsschutz
Die Schule hat auf SWR-Nachfrage zu den Vorwürfen an das Regierungspräsidium Stuttgart verwiesen. In der Stellungnahme des Regierungspräsidiums heißt es, man habe Kenntnis von den Beschwerden. Solche Fälle würden ernstgenommen und man versuche, den Sachverhalt aufzuklären. In gravierenden Fällen müssten Schulleitungen und Schulaufsicht die Ermittlungsbehörden und den Staatsschutz einschalten.
Keine der Lehrpersonen konnte Vorkommnisse im Zusammenhang mit nationalsozialistischen Äußerungen bezeugen
Auch in dem konkreten Fall habe die Schulleitung Lehrkräfte, Eltern, Schülerinnen und Schüler befragt. Aber: "Keine der Lehrpersonen konnte Vorkommnisse im Zusammenhang mit nationalsozialistischen Äußerungen bezeugen", hieß es in der Stellungnahme des Regierungspräsidiums. Die Schulleiterin habe außerdem mit den namentlich beschuldigten Schülern und deren Eltern gesprochen, die die Vorwürfe zurückgewiesen hätten.
Bildung Hakenkreuz und Hitlergruß – Wie Schulen mit rechtsextremen Jugendlichen umgehen
Die Zahl rechtsextremistisch motivierter Vorfälle durch Schüler steigt. Lehrkräfte wissen oft nicht, was sie tun sollen. Sie fühlen sich eingeschüchtert von Eltern oder dem Umfeld.
Der Ton auf den Pausenhöfen wird rauer
Es gibt allerdings weitere Berichte darüber, dass rechtsextreme und diskriminierende Vorfälle zunehmen. Zwei Lehrer anderer Schulen haben sich gegenüber dem SWR geäußert, wollen aber anonym bleiben. Sie erzählen von Schülern, die Hakenkreuze malen oder Mitschüler mit dunkler Hautfarbe anfeinden.
Der Umgangston auf den Pausenhöfen habe sich stark verändert, erzählt ein Gemeinschaftsschullehrer. Der gesamtgesellschaftliche Diskurs verschiebe sich nach rechts. Bei den Jugendlichen geschieht das ihm zufolge noch drastischer, weil sie nach Möglichkeiten suchen, sich von Erwachsenen abzugrenzen und durch maximale Provokation anzuecken.
Hakenkreuz und Hitlergruß Mehr rechtsextremistische Vorfälle an Schulen in Baden-Württemberg
Die Zahl rechtsextremistischer Vorfälle an BW-Schulen hat in diesem Jahr deutlich zugenommen. Der Überfall der Hamas in Israel und der Gaza-Krieg ließen die Zahlen steigen.
Regierungspräsidium Stuttgart setzt auf Prävention
Wichtig ist, Extremismus vorzubeugen, da sind sich alle einig. Zur Prävention und zur Demokratieerziehung gibt es nach Angaben des Regierungspräsidiums Stuttgart verschiedene pädagogisch-didaktische Maßnahmen. Viele Schulen engagierten sich in Netzwerken, bei Projekten oder Veranstaltungen. Dazu gehörten Besuche ehemaliger Konzentrationslager oder auch Zeitzeugengespräche. Das Michelberg-Gymnasium beispielsweise wirke unter anderem an der offiziellen Veranstaltung in Geislingen zum Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus mit.
Dem Vater der Schülerin an dem Geislinger Gymnasium reicht das Vorgehen der Schulleitung, des Regierungspräsidiums und des Kultusministeriums nicht aus. Er hat nach eigenen Angaben Anzeige bei der Kriminalpolizei Ulm erstattet.