Digitale Erinnerungskultur

Holocaust-Gedenktag: Virtuelle Führungen für Schulen in BW durch Auschwitz

Schulgruppen aus BW können das ehemalige Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau jetzt digital besuchen. Das Land fördert die Führungen, um Erinnerung und Bildung zu stärken.

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Von Autor/in Katharina Fuß

"Arbeit macht frei" vor dem großen Eingangstor mit dieser Aufschrift starten rund 80 Schülerinnen und Schüler am Beruflichen Schulungszentrum in Bietigheim-Bissingen (BSZ) per Live-Schalte ihre Tour durch das ehemalige Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau. "Guten Morgen, ich bin Jadwiga und ich werde sie hier durch das Gelände führen", begrüßt sie eine Frau vor dem Tor vor Ort in Polen.

Erinnerung an den Holocaust: Virtuelle Tour mit Videos von Augenzeugen

Jadwiga ist eine der Tourguides, die Gruppen digital mit Kamera durch das frühere Konzentrationslager führt, in dem mehr als eine Million Menschen von den Nationalsozialisten ermordet wurden. "Wir gehen jetzt durch das Tor, so wie es die Häftlinge jeden Tag hier gemacht haben", erzählt sie und führt die zugeschalteten Schüler mit ihrer Kamera durch das Eingangstor. Während der Tour sehen diese nicht nur, wie es aktuell vor Ort aussieht, es werden auch alte Fotos, Dokumente eingeblendet und in Audios- und Videos kommen Zeitzeugen zu Wort.

Diese berichten, wie sie mit ihren Familien in Auschwitz angekommen sind und plötzlich ihre Mutter oder Geschwister nicht mehr finden konnten. Wie ihnen die Haare abrasiert wurden und wie viele Menschen hungerten. Bei der digitalen Führung besuchen die Schüler auch rekonstruierte Gaskammern in Original-Gebäuden. Tourguide Jagwida berichtet: "700 Menschen wurden in den Gaskammern innerhalb weniger Minuten getötet."

"Wie im Horrorfilm" - Schüler an Modellschule sichtlich bewegt

Die Schülerinnen und Schüler bewegt das, was sie sehen und hören sichtbar. Manche wirken geschockt, andere haben Tränen in den Augen. "Ich fand es wirklich erschreckend, was man da alles sehen konnte, vor allem diese Vernichtung - also die Gaskammern", berichtet der 23-jährige Charlie. Ähnlich ging es dem 15-jährigen Felix: Ihn habe besonders die Grausamkeit und Abgestumpftheit der Nationalsozialisten betroffen gemacht. Neben ihm saß während der Tour Mira: "Das kommt einem vor wie ein Horrorfilm und nicht wie echte Geschichte". Die 16-Jährige fügt hinzu, sie habe sich teilweise bei der Führung vorgestellt, wie die Leute damals durch die Gebäude gelaufen seien, manche in dem Wissen, dass sie bald sterben. Das sei grausam.

BW startet als erstes Bundesland umfangreiche digitale Auschwitz-Führungen

Ab dem 27. Januar, dem Holocaust-Gedenktag, fördert das Land offiziell die digitalen Führungen für Schulen. Baden-Württemberg ist laut Kultusministerium das erste Bundesland, das so eine umfangreiche Förderung anbietet. Interessierte Schulen können sich ab jetzt beim Ministerium melden. Das Berufliche Schulzentrum (BSZ) in Bietigheim-Bissingen hat als Modellschule mit Jugendlichen im Alter zwischen 15 und Anfang 20 die Führung im Vorfeld getestet.

Direkt zur Gedenkstätte vor Ort kommen jährlich zwei Millionen Menschen. Durch das digitale Angebot der Stiftung Auschwitz-Birkenau - das in der Coronapandemie entstanden ist - sollen noch mehr Menschen eine Führung bekommen können. In Baden-Württemberg sollen in diesem Jahr über die Förderung des Landes 50 Schülergruppen an einer digitalen Führung durch das ehemalige Konzentrationslager teilnehmen können.

Dies sei ein wichtiger Baustein, um den Schülerinnen und Schülern eindrücklich vor Augen zu führen, was nie hätte geschehen dürfen - und was sich niemals wiederholen darf, betont die Kultusministerin Baden-Württembergs, Theresa Schopper (Grüne). "Die Erinnerung an dieses Unrecht wachzuhalten, ist unsere dauerhafte Verpflichtung."

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Schulleiter kann sich Aufnahme der digitalen Tour in Bildungsplan vorstellen

Die Modellschule in Bietigheim-Bissingen, die die Tour bereits gemacht hat, begrüßt die Initiative des Landes. "Ich bin über jede Maßnahme froh und dankbar, die in diese Richtung geht", so Schulleiter Stefan Ranzinger. Allerdings stelle er beim Thema Demokratiebildung fest, wie weit weg viele Jugendliche von diesem Thema seien, man müsse da aus der Geschichte lernen. Ranzinger kann sich daher gut vorstellen, dass die virtuelle Führung durch Auschwitz Teil des Bildungsplans in Baden-Württemberg wird.

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Katharina Fuß
SWR-Redakteurin Katharina Fuß

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