400 Jungtiere im Jahr gerettet

Bevor das Mähwerk kommt: Wie Ehrenamtliche Rehkitze mit Drohnen aufspüren

Im Frühjahr sind die Rehkitzretter fast jeden Morgen im Einsatz. Mit Drohnen und Wärmebildkameras wollen sie die Tiere aufspüren. Denn diese sind mit bloßem Auge kaum zu erkennen.

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Im Morgengrauen auf einem Feld bei Stötten (Kreis Göppingen) beginnt für Hans-Jörg Andonovic-Wagner vom Verein Schwabenkitz die Suche. Bevor der Bauer das Feld mäht, will er zusammen mit drei Mitstreiterinnen die Rehkitze vom Feld holen. "Für die Tiere ist das jetzt eine lebensgefährliche Zeit", sagt Andonovic-Wagner. Der Vorsitzende des Vereins Schwabenkitz schickt dafür eine Drohne mit Wärmebildkamera in die Luft.

Rehkitze morgens besser zu erkennen

Frühmorgens bei kühlen Temperaturen lassen sich die Tiere darüber besonders gut erkennen. Während er die Drohne über das Feld steuert, schaut er sich die Aufnahme auf dem Monitor am Boden genau an. Auf dem Acker, zwischen dem Gras und am Feldrand kann er die Tiere als hell leuchtende Punkte erkennen. Und es dauert nicht lange, bis er fündig wird. Andonovic-Wagner vergrößert das Bild. Zu sehen: Punkte im Fell und wackelnde Ohren.

"Ein Kitz, das von seiner Rehmutter gesäugt wird", sagt der Drohnenpilot. Auf die Suche nach Rehkitzen dürfen die ehrenamtlichen Retter des Vereins Schwabenkitz nur mit dem zuständigen Jagdpächter gehen. Im Frühling sind sie im gesamten Landkreis unterwegs. An diesem Morgen suchen die Retter im Revier von Mathias Kolb. Der Jäger ist mit dabei und erklärt: "Jetzt ist Brut- und Setzzeit. Die Rehkitze werden nach dem Füttern von ihren Müttern gut versteckt vor Füchsen im Feld abgelegt." Mit bloßem Auge seien die Tiere im dichten Gras kaum zu erkennen. Für die Retter ist deshalb jetzt sozusagen Hochsaison. Fast täglich, bei gutem Wetter, gehen sie morgens auf die Suche, bevor die Bauern mit den Traktoren über die Felder fahren.

Schwabenkitz: Mit Drohne 2025 rund 400 Rehkitze gefunden

Warum die Suche nach den Kitzen alles andere als einfach ist, weiß der Jäger genau. "Die Tiere liegen im Gras wie in einem Gewächshaus. Es ist warm, sie fühlen sich wohl und bleiben mucksmäuschenstill liegen. Man könnte direkt neben einem Kitz stehen und es trotzdem nicht sehen." Früher sind der Jäger und die Ehrenamtlichen über die Felder gelaufen, um die Tiere aufzuspüren. Die Erfolgswahrscheinlichkeit sei dabei eher mäßig gewesen und die Suche viel aufwändiger, sagt Sarah Schweizer, die sich den Vereinsvorsitz von Schwabenkitz mit Hans-Jörg Andonovic-Wagner teilt.

Heute gehen die Rehkitzretter deshalb mit Drohnen auf die Suche. Rund 30 Mitglieder des Vereins können die Drohnen fliegen. Im vergangenen Jahr 2025 haben die Schwabenkitz auf diese Weise rund 400 Rehkitze gefunden und vor Verletzungen und dem Tod durch das Mähfahrzeug gerettet. "Die Suche mit der Drohne ist schon sehr zuverlässig. Das ist gerade das Beste, was wir zur Verfügung haben, der Goldstandard", sagt Andonovic-Wagner. Doch eine hundertprozentige Wahrscheinlichkeit gebe es nie, sagt Sarah Schweizer. Acht Tiere konnten sie im vergangenen Jahr nicht retten. "Es gibt nie eine Erfolgsgarantie. Das ist Natur. Aber die Wahrscheinlichkeit, ein Tier mit der Drohne zu finden, ist deutlich höher als mit den herkömmlichen Methoden. Das ist wirklich eine sehr gute Sache."

Bund unterstützt Vereine beim Kauf von Drohnen

In den vergangenen Jahren hat sich der Einsatz von Drohnen mit Wärmebildtechnik bei der Suche nach Rehkitzen in Baden-Württemberg etabliert. Wie ein Sprecher des Ministeriums für Ländlichen Raum in Stuttgart mitteilte, haben die Erfahrungen gezeigt, dass Drohnen inzwischen die mit Abstand effektivste Möglichkeit seien, um Rehkitze zu orten und zu retten. Der Bund unterstützt Vereine, die sich dem Thema verschrieben haben, deshalb mit dem Förderprogramm "Rehkitzrettung". Für eine Drohne können Vereine vom Bund bis zu 3.000 Euro bekommen. Bis zum 30. Juni können Vereine das Fördergeld in diesem Jahr noch beantragen. Auch die Drohne, die der Verein Schwabenkitz im Einsatz hat, wurde vom Bund gefördert.

Haben die Rehkitzretter mit der Drohne ein Tier aufgespürt, lotst Andonovic-Wagner die Helfer mit dem Funkgerät über das Feld. An diesem Morgen ziehen sich Sonja Pragmateftis und Gesine van Lück die Handschuhe über. Mit Keschern und einer Box machen sie sich auf den Weg zu dem noch im Versteck liegenden Rehkitz. Beide Frauen gehören zu den 127 aktiven Helferinnen und Helfern des Vereins. Insgesamt haben die Schwabenkitz 300 Mitglieder. Pragmateftis ist schon im dritten Jahr dabei. "Es macht Spaß und ist wirklich interessant", sagt sie. "Ich bin gern in der Natur. Das ist einfach die Liebe zur Natur und zum Tier."

Ehrenamtliche sind mit einem großen Netz auf dem Weg zur Rettung eines Rehkitzes
Sonja Pragmateftis und Gesine van Lück vom Verein Schwabenkitz machen sich auf den Weg zum Rehkitz, das die Drohne aufgespürt hat. Loris Hoffmann

Zusammenarbeit mit Jägern und Bauern entscheidend

Beim Einfangen des Kitzes gehen die Frauen behutsam vor. Legen den Kescher ruhig über das Rehkitz und setzen es in die Kiste. Danach stellen sie die Box am Feldrand ab und geben dem Bauern per Whatsapp-Nachricht Bescheid, dass er das Feld mähen kann. "Wichtig ist, dass der Landwirt weiß, wo die Kiste steht. Er lässt das Kitz nach dem Mähen wieder frei", sagt Sarah Schweizer. Für den Erfolg der Rettungsaktionen sei die enge Zusammenarbeit des Vereins mit den Jägern und Bauern entscheidend. Die Kommunikation müsse so unkompliziert und unbürokratisch wie möglich laufen. Klappe die Zusammenarbeit gut, dann gelinge auch die Rettungsaktion.

Das bestätigt dann an diesem Morgen auch Landwirt Eberhard Lohrmann. "Die Bauern schreiben dem Jagdpächter eine Nachricht, und der informiert die Kitzretter. Das ist das Normalste der Welt. Alles andere wäre ja schmerzhaft. Keine Frage, dass man das macht. Das lohnt sich doch auf jeden Fall."

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Reporterin Stefanie Reinhardt.
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Porträtfoto von Loris Hoffmann

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