Insektenforscher des Naturkundemuseums Stuttgart haben mithilfe modernster Computertomographie erstmals das Paarungsritual von Eintagsfliegen analysiert. Die neue Studie ist inzwischen seit zwei Wochen in Fachmagazinen veröffentlicht, in der Szene wird sie intensiv besprochen. Die Forscher sind ganz stolz auf das Ergebnis. Zusammengefasst haben sie herausgefunden: Der Akt selbst ist akrobatisch und das männliche Genital verändert sich dabei.
Forscher: Studie wird heiß diskutiert
Arnold Staniczek ist Kurator für aquatische Insekten am Museum und damit unter anderem für Eintagsfliegen zuständig. Wenn er mal wieder zu Stichwörtern wie Schwarm-Kamasutra forscht, überrascht das im Freundes- und Familienkreis niemanden, erzählt er. Dort gebe es interessierte und belustigte Reaktionen.
Die sind es eigentlich nicht anders gewohnt von mir, seit 20 Jahren mache ich solche Sachen.
Er und seine Kollegen haben ihre Büroräume gegenüber dem Naturkundemuseum. Dort verbergen sich zahlreiche Schätze - wie die Bernsteinsammlung, also hunderte Steine, in denen etwa Fossilien aus der Kreidezeit vor rund 100 Millionen Jahren ruhen.
Doppelt hält besser: Zweifach-Penis mit Stacheln nachgewiesen
Doch kommen wir zum Kern der Sache: Eintagsfliegen verbringen teils mehrere Jahre ihres Lebens als Larve im Wasser. Sobald sie schlüpfen, gilt es, dann dreht es sich nur noch um das Eine. Und das geht spektakulär vonstatten: Im Flug nähern sich die Männchen den Weibchen von unten und umgreifen sie. Sie drehen ihren Hinterleib um fast 180 Grad nach oben und klammern sich mit Genitalfüßen am Weibchen fest.
Zudem fanden die Forscher heraus: Männliche Tiere haben einen Doppelpenis, der sich bei der Paarung verändert, Stacheln werden ausgefahren. Bislang konnte man diese Stacheln nicht deuten, so Staniczek. Die Erkenntnisse würden darauf hinweisen, dass das ein Mechanismus ist, der zur Stabilität der Paarung beiträgt.
Pärchen erwischen: Forscher mit Kescher im Schwarzwald-Fluss unterwegs
Vor der Studie wusste man nicht viel über die Paarung von Eintagsfliegen. Die Herausforderung war es, ein Pärchen in flagranti zu erwischen. Doktorand Benedict Stocker versuchte sein Glück im Schwarzwald. Dort stand er abends in einem Fluss, bewaffnet mit einem Kescher. "Als eine Paarung vorbeigeflogen kam, habe ich mir die geschnappt und mit Eisspray schnell schockgefrostet", erzählt er sichtlich zufrieden.
Danach wurde das Pärchen - eiskalt erwischt - per CT untersucht. Die viele Erkenntnisse werden nun aufbereitet. 3D-gedruckte Modelle werden etwa bemalt, damit Studierende die Einzelteile besser erkennen können. Zum Vergleich: Das Glied ist im Original 0,8 Millimeter lang.
Forschung geht weiter: Fossilien an der Reihe
Die Forschung geht indes weiter. Arnold Staniczek widmet sich einem hundert Millionen Jahre alten Fossil einer Eintagsfliege, die in Bernstein konserviert ist. Er will untersuchen, inwiefern sich die Fortpflanzung der Eintagsfliegen in der Kreidezeit von der gegenwärtigen unterscheidet. Im Naturkundemuseum will man die Evolution besser verstehen - und mehr herausfinden über die kurzlebigen Tiere und ihr außergewöhnliches Sexleben.