Weltweihnachtscircus, Kim Hoss und "White Noise"

Die Macht der Influencer: So verändern digitale Diskussionen die Region Stuttgart

Wenn Diskussionen auf Social Media in die echte Welt getragen werden, kann es ganz schön laut werden. Daraus entstehen Chancen, aber auch Herausforderungen.

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Von Autor/in Anna Knake

Cancel Culture, Shitstorms und Aufrufe von Influencerinnen haben 2025 einige Dinge in der Region Stuttgart verändert. Der Club "White Noise" in Stuttgart hat nach Rassismus-Vorwürfen geschlossen, der Weltweihnachtscircus verzichtet in Zukunft auf Vorführungen mit Tieren und die Drogeriemarktkette dm musste sich mit ihrer Foto-Abholstation auseinandersetzen. "Man sieht hier etwas sehr Spannendes", erklärt Swaran Sandhu, Professor für Unternehmenskommunikation mit Schwerpunkt Public Relations an der Hochschule der Medien in Stuttgart, "das Überschwappen von der Social-Media-Kommunikation ins reale Leben".

Experte: Social Media beschleunigt Diskussionen

Gestritten und diskutiert wurde schon immer. "Wenn ich mir manche Debatten aus den 1970er-Jahren anschaue - ich denke da mal an den damaligen bayerischen Ministerpräsidenten Franz Josef Strauß, der konnte ordentlich austeilen - da sind auch im Parlament die Fetzen geflogen," erklärt Sandhu. Seitdem habe sich die Diskussionskultur durch die verschiedenen Medien natürlich verändert - zuletzt auch durch Social Media. Denn die Plattformen bringen laut Sandhu eine gewisse Beschleunigung mit sich und die Möglichkeit, sich niederschwellig an Diskussionen zu beteiligen.

Swaran Sandhu, Professor an der HdM in Stuttgart für Unternehmens-Organisationskommunikation mit Schwerpunkt Public Relations
Swaran Sandhu, Professor an der HdM in Stuttgart für Unternehmens-/Organisationskommunikation mit Schwerpunkt Public Relations

So passiert beim Weltweihnachtscircus in Stuttgart: Der Influencer Malte Zierden postete ein Video, in dem er einem Tauben-Zauberkünstler Tierquälerei vorwirft. In der Kommentarspalte sind sich die Userinnen und User größtenteils einig: Die Tauben-Nummer muss aus dem Programm. Tierschutz-Aktivistinnen fordern die Community auf, sich bei der Stadt zu beschweren, mehr als 10.000 Mails gehen nach eigenen Angaben bei der Stadt Stuttgart ein. Zum Schluss wird die Nummer tatsächlich aus dem Programm genommen. "Liebe Leute, ihr habt gezeigt, was Mitgefühl bewegen kann", schreibt der Influencer auf TikTok. Ein einzelner digitaler Anstoß hat zu realen Veränderungen geführt - ist das neu?

Stuttgart

Kritik von Tierschutz-Aktivisten Zirkus in Stuttgart: Ist Nummer mit Tauben Tierquälerei oder Zauberei?

Ein Influencer wirft dem Weltweihnachtscircus in Stuttgart Tierquälerei vor. Es geht um eine Zauber-Nummer mit Tauben. Mittlerweile hat das Veterinäramt den Fall geprüft.

Gefahr: Eigene Social-Media-Blase

"Wenn wir uns politische oder soziale Bewegungen anschauen, waren es häufig Einzelpersonen, die durch ihre Überzeugung schon früher Veränderungen geschaffen haben," erklärt Sandhu. Aber mit Social Media sei es nun einfacher, sich mit Gleichgesinnten zu vernetzen und etwas anzustoßen. Daraus entstehen Chancen, aber auch Probleme. "Die Gefahr ist, dass ich mich nur in meiner Blase bewege", so Sandhu. Dann könne man in eine Kommunikation geraten, in der es weniger um Dialog und mehr um das Bestärken der eigenen Position gehe. Ein wirklicher Austausch könnte dann auf der Strecke bleiben.

Entscheidende Grenze: Drohungen und Beleidigungen

Ein anderes Problem sei, dass Menschen auf Social Media häufig enthemmt kommunizieren würden. Eine entscheidende Grenze seien dabei Drohungen und Beleidigungen. "Das sind Straftatbestände, die auch verfolgt werden müssen", so Sandhu. Auch der Zauberer des Weltweihnachtscircus hat nach eigenen Angaben nach dem Social-Media-Video Drohungen erhalten. Davon distanziert sich der Influencer Malte Zierden in der Beschreibung des Videos: "Die Tauben müssen nicht mehr auf die Bühne. Deshalb bitten wir alle, den Zirkus und den Zauberkünstler nun in Ruhe zu lassen."

TikTok, Instagram und Co.: Algorithmus als Brandbeschleuniger

Ob ein Aufruf auf Social Media Gehör findet, liegt aber nicht allein an der Community selbst. Auf jeder Plattform entscheidet der Algorithmus, ob und wem ein Post ausgespielt wird. Ein sicheres Rezept für erfolgreichen Content gibt es dabei nicht: Die Plattformen halten geheim, nach welchen Kriterien der Algorithmus seine Lieblinge auswählt. Erfahrungen zeigen aber: "Wir haben es mit Empörungsmaschinen zu tun", erklärt Sandhu. Inhalte, die Emotionen hervorrufen, bringen Userinnen und User dazu zu kommentieren, zu liken und den Post zu teilen. "Darauf sind die Algorithmen geeicht und beschleunigen dann wie ein Brandbeschleuniger die Verbreitung von manchen Botschaften."

Deswegen rät Professor Sandhu dazu, auf Social Media auch mal innezuhalten und zu prüfen: Von wem kommt der Post, und wie glaubwürdig ist diese Person? Was bleibt von dem Thema übrig, wenn man die Emotionen ausklammert? Und welche stichhaltigen Argumente kommen vor?

Professor Sandhu: Goldene Regel für Diskussionen

Hitzige Debatten und der Einfluss von Einzelnen sind also nicht neu. Durch Social Media können Personen aber schneller und teilweise einfacher auf potenzielle Missstände aufmerksam machen. Das ist auch eine Chance, schließlich können anschließende Diskussionen einiges bewegen. Professor Sandhu erinnert für diese an die goldene Regel: "Behandle andere so, wie du auch selbst behandelt werden möchtest."

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