Die jüngsten Sparpläne bei der "Stuttgarter Zeitung" und den "Stuttgarter Nachrichten" sorgen derzeit für Unruhe in der Belegschaft im Pressehaus Stuttgart. Wie die Gewerkschaft ver.di am Freitag mitteilte, plane die Geschäftsführung am Standort Stuttgart weitere 40 Stellen im Rahmen eines Freiwilligenprogramms abzubauen. Rund 50, langfristig womöglich sogar 80 Beschäftigte sollen zudem in die Neue Berliner Redaktionsgesellschaft (NBR) eingegliedert werden. Diese Gemeinschaftsredaktion war in den 2010er-Jahren von der Neuen Pressegesellschaft (NPG) Ulm aufgebaut worden. Bis Freitagabend gab es dazu auf Anfragen des SWR keine Stellungnahme der NPG.
Überregionale Inhalte nun von Berliner Gemeinschaftsredaktion
Hintergrund der Neuordnungs-Pläne ist, dass die Südwestdeutsche Medienholding (SWMH) (Eigner der "Süddeutschen Zeitung") im Jahr 2025 ihre Regionalzeitungen in Baden-Württemberg mehrheitlich an die NPG verkauft hat - darunter die "Stuttgarter Zeitung", die "Stuttgarter Nachrichten", die "Eßlinger Zeitung" und den "Schwarzwälder Boten" (Oberndorf am Neckar). Hinter der NPG stehen Titel wie die "Südwest Presse" (Ulm) samt etlicher Partner- und Tochterverlage, die "Märkische Oderzeitung" (Frankfurt/Oder) und die "Lausitzer Rundschau" (Cottbus).
Die Stuttgarter Titel werden somit künftig ebenfalls von der NBR-Gemeinschaftsredaktion mit überregionalen Inhalten versorgt, die in diesem Zusammenhang personell mit Journalisten etwa aus Stuttgart und Ulm verstärkt wird. Sie unterhält in Berlin ein Korrespondenten-Büro. Dieses hatte nach eigenen Angaben auch schon in der Vergangenheit mit der "Stuttgarter Zeitung" und den "Stuttgarter Nachrichten" kooperiert. Anders als die beiden Stuttgarter Redaktionen ist die NBR nicht an die Tarifverträge für Redakteurinnen und Redakteure an Tageszeitungen gebunden.
"Stuttgarter Zeitung" und "Stuttgarter Nachrichten" betroffen SWMH-Mediengruppe will sich von Regionalzeitungen in Baden-Württemberg trennen
Die Südwestdeutsche Medienholding will ihre Regionalzeitungen in Baden-Württemberg verkaufen. Dazu gehören unter anderem die "Stuttgarter Zeitung" und "Stuttgarter Nachrichten".
Gewerkschaft: "Stimmung im Pressehaus ist unterirdisch"
Für die beiden Gewerkschaften Deutscher Journalisten-Verband (DJV) und Deutsche Journalistinnen- und Journalisten-Union (dju), die zu ver.di gehört, ist diese "Tarifflucht", wie sie es nennen, nur eines von mehreren Problemen. "Viele Mitarbeitenden berichten uns, dass die Arbeitsbelastung sehr, sehr hoch ist", sagt Gregor Schwarz, Geschäftsführer Deutscher Journalistenverband dem SWR. "Und wir befürchten einfach: Wenn dort jetzt noch weniger Kolleginnen und Kollegen arbeiten, wird es schlichtweg nicht mehr möglich sein, Journalismus in anständiger Qualität zu produzieren."
"Die Stimmung im Pressehaus ist inzwischen unterirdisch", sagt ver.di-Landesbezirksleiterin Maike Schollenberger. Der Gewerkschaft zufolge sei der Betriebsrat im Vorfeld nicht wegen des geplanten Stellenabbaus kontaktiert worden. Verhandlungen über einen Sozialplan lehne die Geschäftsführung zudem bisher ab. Die Gewerkschaft fürchtet, dass im Pressehaus Stuttgart "langfristig womöglich fast die Hälfte der derzeitigen Belegschaftsgröße von mehr als 300 Beschäftigten" bedroht sei.
Wissenschaftler: Sorge um Vielfalt der Presse
Kritiker sehen zudem die journalistische Vielfalt in der Region Stuttgart und im Land zusehends in Gefahr. Medienwissenschaftler Horst Röper hatte im Interview mit der Online-Wochenzeitung "Kontext" mit Blick auf den Verkauf der baden-württembergischen Regionalzeitungen die Befürchtung geäußert, dass die Lesenden durch den Konzentrationsprozess bei den Tageszeitungen die Möglichkeit verlieren, "sich aus unterschiedlichen Quellen zu informieren". Allerdings ist die Zeitungslandschaft bundesweit seit Jahren unter Druck. Gründe sind vor allem das Wegbrechen der Anzeigenkunden aufgrund der Online-Konkurrenz und der Schwund an Print-Abonnenten.