Wie kann eine Stadt wie Esslingen ihrer Partnerstadt in der Ukraine während des Angriffskrieges beistehen? Zum Beispiel, indem sie Fortbildungen für ukrainische Ärztinnen und Ärzte anbietet. Zwei Chirurgen und zwei Anästhesistinnen aus der Partnerstadt Kamianets-Podilskyi sind derzeit zu Besuch am Klinikum Esslingen. Sie bekommen dort ein Einblicke in laufende Operationen, vor allem im Bauchraum. Ziel sei es, den Ärzten aus dem vom Krieg gezeichneten Land die Möglichkeit zu geben, sich in Esslingen in Ruhe weiterzubilden, sagen die Verantwortlichen - und das erworbene medizinische Know-how zurück in ihrer Heimat anzuwenden.
Ärztin: "Wir müssen unter ständigem Luftalarm arbeiten"
Unter den Ärzten aus der Stadt in der Ukraine ist auch die Anästhesistin Oksana Shalvinska. In Esslingen erzählt sie ihren Kolleginnen und Kollegen, wie sehr der Krieg ihre Arbeit verändert hat: "Wir haben viel mehr Patienten dadurch, dass Menschen aus den Kriegsgebieten zu uns gekommen sind. Außerdem müssen wir auch unter ständigen Luftalarm arbeiten und auch immer wieder unsere Abläufe anpassen." Und ihre Kollegin Iryna Yarychevska ergänzt: "Wir haben viel mehr Notfälle aufgrund des Krieges. Unsere Arbeit fühlt sich intensiver an, wir müssen noch schneller reagieren als zu Friedenszeiten. Es ist einfach alles noch intensiver."
Zwar sei ihr Krankenhaus westlich von Kiew weit von der Front entfernt. Dennoch sei ihr Alltag vom Krieg geprägt. Eine Weiterbildung innerhalb der Ukraine wäre unter den Kriegsgeschehnissen gar nicht so einfach, erzählen die beiden. Es sei leichter, für eine Weiterbildung von Kamianets-Podilskyi nach Esslingen zu reisen als in die ukrainische Hauptstadt Kiew.
Partnerschaft der beiden Städte ermöglicht Fortbildung
Am Klinikum in Esslingen versucht man die angereisten ukrainischen Ärztinnen und Ärzte für ihren Einsatz in ihrem Heimatland fit zu machen. Der Austausch ist Teil der Städtepartnerschaft zwischen Esslingen und Kamianets-Podilskyi, die es seit 2023 gibt. Dafür sind vor zwei Jahren auch Vertreterinnen und Vertreter der Stadt Esslingen in die Partnerstadt gereist.
Neben dem Ärzteprogramm gibt es weitere Kooperationen, beispielsweise zwischen den Hochschulen und den Feuerwehren, erklärt Katrin Radtke von der Stadt Esslingen. "Wir versuchen gezielt dort Hilfe zu leisten, wo auch Hilfe gebraucht wird", erklärt sie. Die Diakonie in Esslingen unterstütze so zum Beispiel beim Umgang mit traumatisierten Jugendlichen.
Praktische Tipps für den Einsatz in der Ukraine
Im Klinikum Esslingen erklärt der Esslinger Chefarzt Ludger Staib die Ziele der beruflichen Weiterbildung. Es gehe vor allem darum, den ukrainischen Ärztinnen und Ärzten Tipps im Operationssaal mitzugeben, sagt Staib. "Wir haben die ganze Woche Zeit, verschiedenste Verfahren anzuschauen - auch die chirurgischen Eindrücke der minimalen invasiven Operationen, die heutzutage möglich sind." Dabei helfen die Gäste aus der Ukraine mit. So assistierten sie am Dienstag bei der Operation eines Darmtumors. Noch bis Freitag sind die Ärztinnen und Ärzte aus der Ukraine in Esslingen zu Besuch.