Hi, ich bin Deborah Kölz und arbeite beim SWR Studio Stuttgart. Ich bin Journalistin. Und ich muss gestehen: Manchmal bin ich schon sehr neidisch auf all die Leute, die ein Handwerk gelernt haben. Es ist schon cool, wenn man zum Beispiel Dinge herstellen, reparieren und machen kann, die fürs tägliche Leben gebraucht werden und oft auch eine lange Zeit überdauern - außer ein Haarschnitt oder Brötchen vielleicht.
Aber es gibt einen Fachkräftemangel und jedes Jahr offene Stellen und Ausbildungsplätze im Handwerk. Wie Wohnraum da mit reinspielt, was Berufe in einem Escape Room machen und dass das bei Böblingen erfundene "Freiwillige Handwerksjahr" jetzt im neuen Koalitionsvertrag steht: Das hat mich diese Woche bewegt.
- "Freiwilliges Handwerksjahr" zum Kennenlernen
- Im Escape Room: Welche Berufe gibt es eigentlich?
- "Elektroblondi" begeistert Frauen und Jugendliche fürs Handwerk
- Wieso es an Azubis fehlt und wie Wohnheime helfen
- Voting: Bist du schon Handwerker oder werkelst du noch?
Neue Bundesregierung greift Idee aus Böblingen auf: "freiwilliges Handwerksjahr"
Ist das Handwerk denn überhaupt etwas für mich? Könnte ich so was? Die Frage stellen sich sicher viele Jugendliche, wenn es langsam an der Zeit ist, sich über den zukünftigen Job Gedanken zu machen und man nicht schon seit Jahr und Tag DEN einen Berufswunsch hat. Und genau dazu hatte der Unternehmer Jörg Veit aus Holzgerlingen (Kreis Böblingen) eine Idee. In seinem Elektro-Betrieb hat er ein sogenanntes Freiwilliges Handwerksjahr angeboten - ein Jahr Praktikum, mit guter Bezahlung und jederzeit kündbar.
Über die Idee des Freiwilligen Handwerksjahres hatte der SWR bereits im Januar 2025 berichtet:
Marcel Fischer ist 19 Jahre alt und der Erste, der das Pilotprojekt mitgemacht hat. Es sei definitiv etwas anderes, als nur mal eine Woche Schülerpraktikum zu machen: "Man darf wirklich ran und selber arbeiten." Außerdem hätte es für Schüler wie ihn durch die Corona-Pandemie teilweise gar keine Chancen auf Praktika während der Schulzeit gegeben, erzählt der ehemalige Abiturient. Für Marcel ist jetzt klar: Er wird die Ausbildung zum Elektroniker für Energie- und Gebäudetechnik starten.
Und die Idee des "Freiwilligen Handwerksjahres" hat es nun sogar in den Koalitionsvertrag der neuen schwarz-roten Bundesregierung geschafft. Dass es das Programm bald bundesweit geben soll, findet Marcel top. "Im sozialen Bereich gibt es das ja schon, deshalb sollte es nun auch im Handwerk kommen", so der 19-Jährige. Es sei eine gute Hilfe gewesen, sich für einen Beruf zu entscheiden - bei der ganzen Auswahl, die es mittlerweile gebe. Und so eine Entscheidung brauche Zeit und Einblick.
Verschiedene Berufe entdecken - im Escape Game in Stuttgart
Apropos viele Berufe - manchmal muss man ja wirklich sehr nachfragen, was sich hinter einer Berufsbezeichnung versteckt und der andere da genau macht. Um so etwas mal spielerisch herauszufinden, hat die Handwerkskammer Region Stuttgart eine Woche lang einen Escape Room in Stuttgart betrieben. Dort bekommen die Jugendlichen einen Auftrag, müssen verschiedene Rätsel lösen und können damit spielerisch Berufe entdecken. Worauf eine Malerrolle, ein Gebiss oder ein eingepacktes Brötchen wohl hinweisen? Der vorübergehende Escape Room war schnell ausgebucht: Rund 330 Jugendliche haben sich der Herausforderung gestellt.
Unsere Reporterin der SWR DASDING Kesselgeschichten hat den Escape Room getestet:
"Elektroblondi": Wenn Frauen über Social Media fürs Handwerk begeistern
Jugendliche und auch vor allem Mädchen und Frauen fürs Handwerk zu gewinnen, das ist das Anliegen von Jenna Rist. Sie ist in den sozialen Medien "Elektroblondi" und zeigt, wie ihr Arbeitsalltag aussieht - dass auch Frauen Kabel verlegen und Solar-Panels installieren können. "Ich möchte einfach junge Menschen fürs Handwerk begeistern", sagt sie in einem Video. Sie hat mehr als 100.000 Instagram-Follower. Jenna kommt aus Schwieberdingen (Kreis Ludwigsburg) und bildet in ihrem Betrieb in Stuttgart mittlerweile selbst Azubis aus.
ARD Brisant hat Jenna Rist aka. "Elektroblondi" im März 2025 bei ihrer Social-Media-Arbeit in Stuttgart begleitet:
Studium und Handwerk sollten in der Gesellschaft als gleichwertig gelten
Im Handwerk rund um Stuttgart wurden auch im vergangenen Jahr nicht alle Ausbildungsstellen besetzt. Trotzdem gebe es einen Lichtblick, teilte die Handwerkskammer Region Stuttgart im Februar mit Blick auf ihre Zahlen mit. Denn obwohl es wegen des demografischen Wandels einfach weniger Schülerinnen und Schüler gibt, "konnten die Handwerksbetriebe der Region Stuttgart 2024 mehr Auszubildende gewinnen als im Vorjahr", heiß es.
Warum weiterhin viele Jugendlich eher ein Studium statt ein Handwerk angehen, hat verschiedene Gründe. Besonders wichtig sei da auch ein gesellschaftliches Umdenken, heißt es vom Chef der Handwerkskammer Region Stuttgart, Peter Friedrich. "Wer will, dass es das eigene Kind einmal besser haben wird, der sollte ihm zum Handwerk raten. Das Handwerk bietet vielfältige Karrieremöglichkeiten für jedes Talent, die Verdienstchancen sind gut, Handwerker sind gesucht, die Arbeit ist sinnstiftend, und in keiner anderen Branche kann man so schnell sein eigener Chef werden", so Friedrichs Botschaft in einer Mitteilung.
Vor allem im Handwerk fehlen Auszubildende Warum fehlen so viele Azubis in der Region Stuttgart?
Am 1. September startet traditionell das neue Ausbildungsjahr. Auch 2024 bleiben in der Region viele Ausbildungsplätze unbesetzt. Das hat verschiedene Gründe, sagen Unternehmen.
Beim Orientieren und Sinn-Finden kann zum Beispiel der "Firmensommer" im Kreis Ludwigsburg genutzt werden - egal, welche Schulart man besucht. In den Pfingst- und Sommerferien können Schülerinnen und Schüler ab 14 Jahren immer für einen Tag bei Firmen reinschnuppern und Berufe entdecken. 300 Ausbildungsberufe und Studiengänge können sich angeschaut werden. Die Anmeldung läuft ab Mitte Mai.
Kein Wohnraum für Azubis? - SSB eröffnet Azubi-WG
Ein weiteres Problem angehender Handwerker in der Region Stuttgart ist oft der Wohnraum. Viele Auszubildende wohnen weiter bei den Eltern, weil sie sich eine eigene Wohnung im teuren Ballungszentrum Stuttgart nicht leisten können. Das limitiert die Wahl eines Ausbildungsplatzes wiederum, wenn nur in der Nähe des Elternhauses suchen kann. Handwerkskammer-Chef Peter Friedrich sagte gegenüber der "Stuttgarter Zeitung", dass es schätzungsweise 900 bis 1.000 Azubis mehr gäbe in der Region Stuttgart, wenn die Betriebe ihnen vor Ort günstigen Wohnraum anbieten könnten.
Das BW-Ministerium für Landesentwicklung und Wohnen will jetzt zwar erstmalig Wohnheimplätze für Auszubildende fördern. Bis diese Wohnheime gebaut sind, kann es aber vermutlich noch etwas dauern. Bis dahin müssen Betriebe weiterhin selbst Lösungen finden. Die Stuttgarter Straßenbahnen AG (SSB) hat deshalb 2024 die ersten WGs für neun ihrer Auszubildenden und dual Studierenden in Stuttgart geschaffen:
Voting: Handwerk oder Akademiker? Womit seid ihr happy?
Würdet ihr euch fürs Handwerk entscheiden?
Vergangene Woche haben wir gefragt, was ihr am Freibad und Schwimmen im Sommer am besten findet. Die meisten Stimmen (72 Prozent) gab es für die Antwort: "Unter freiem Himmel schwimmen macht einfach am meisten Spaß."
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