Jugendoffizier klagt wegen Beleidigung

Muss Freiburger Schüler wegen Bundeswehr-Meme vor Gericht?

Ein Offizier der Bundeswehr besucht eine Schule in Freiburg, was ein ehemaliger Schüler mit Internet-Memes kritisiert. Nun droht dem Schüler ein Prozess.

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Von Autor/in Lukas Herzog, Nikolaus Rhein, Christof Gerlitz

Die Staatsanwaltschaft Freiburg hat einen ehemaligen Freiburger Schüler angeklagt, weil er mit zwei bearbeiteten Fotos einen Jugendoffizier der Bundeswehr beleidigt haben soll. Wie die Staatsanwaltschaft auf SWR-Anfrage mitteilte, hat der Offizier den früheren Oberstufenschüler angezeigt.

Der Vorfall ereignete sich bereits im Februar 2025 nach einer Schulveranstaltung am Angell-Gymnasium in Freiburg: Ein Jugendoffizier der Bundeswehr war im Rahmen eines Demokratie-Projekttages zu Besuch an der Schule. Als Experte für internationale Konflikte habe er den teilnehmenden Schülerinnen und Schülern Rede und Antwort gestanden.

Zwei Memes über Bundeswehr-Jugendoffizier tauchten im Internet auf

Zwei Fotos, die während des Besuchs des Jugendoffiziers gemacht wurden, tauchten später in bearbeiteter Form im Internet auf. Laut Staatsanwaltschaft unterstellen die Bilder dem Offizier persönliche Verbindungen zur nationalsozialistischen SS sowie eine verfassungswidrige, menschenverachtende Grundeinstellung.

Die beiden Memes, die mittlerweile aus dem Netz verschwunden sind, liegen dem SWR vor. Sie zeigen den Bundeswehroffizier bei der Schulveranstaltung. Nachträglich wurden auf dem einen Bild die folgenden beiden Sätze eingefügt: "Jugendliche an der Front verheizen - aber wie?" und "Also Kinder, wer von euch würde gerne an der Ostfront sterben?". Außerdem hält der Jugendoffizier in der bearbeiteten Version des Bildes ein Sturmgewehr in der Hand.

Auf diesem Meme steht der Jugendoffizier mit einem Sturmgewehr in der Hand. Im Hintergrund ist zu lesen "Jugendliche an der Front verheizen - ABER wie?".
In dieser Bildmontage steht der Jugendoffizier mit einem Sturmgewehr in der Hand. Im Hintergrund ist zu lesen "Jugendliche an der Front verheizen - ABER wie?"

Politikwissenschaftler: Wehrpflicht-Debatte bewegt Jugendliche

Politikwissenschaftler Michael Wehner hält dieses Meme für zulässige Kritik. "Dass man die Frage stellt, wir jungen Menschen müssen möglicherweise im Verteidigungsfall an der Ostfront auch mit unserem Leben eintreten, das ist sicher eine sehr legitime Frage", meint Wehner. An der aktuellen Debatte um die Wehrpflicht sehe man, dass das Thema Jugendliche bewege.

Politikwissenschaftler Michael Wehner
Politikwissenschaftler Michael Wehner findet: Kritische Fragen zur Bundeswehr zu stellen, sei durchaus legitim.

Nähe des Jugendoffiziers zur SS suggeriert?

Ausschlaggebend für die Anklage der Staatsanwaltschaft dürfte jedoch das zweite Bild sein. Auch Politikwissenschaftler Wehner hält es für "fragwürdig". Auf dem Bild ist zum einen der Name des Offiziers zu sehen. Zudem wird auf einem Bildschirm hinter ihm ein eingehender Anruf von "SS-Siggi" angezeigt. "SS-Siggi", Siegfried Borchardt, starb 2021. Er war ein bundesweit bekannter Neonazi. Das Bild wurde nachträglich in das Foto eingefügt.

Auf diesem Meme trägt der Jugendoffizier ein Sturmgewehr. Im Hintergrund ebenfalls eine Bildmontage: ein eingehender Anruf von "SS Siggi".
Auf diesem Meme trägt der Jugendoffizier ein Sturmgewehr. Im Hintergrund ebenfalls eine Bildmontage: ein eingehender Anruf von "SS Siggi".

Darunter steht die fiktive Aussage des Offiziers: "Oh, da muss ich kurz rangehen".

Schüler war empört über Bundeswehr-Besuch

Diese Memes ordnet die Staatsanwaltschaft einem ehemaligen Schüler des Angell-Gymnasiums zu: Bentik. Sein vollständiger Name ist dem SWR bekannt. Bentik war bis zum Sommer Schüler am Angell-Gymnasium und hat dort sein Abitur gemacht.

Schüler: Memes sind Protest

Ob er tatsächlich der Urheber der Memes ist, gilt juristisch noch nicht als geklärt. In einem Gespräch mit dem SWR gab der Schüler seine Einschätzung zu den Bildern ab. Er hält sie nicht für beleidigend, sondern versteht sie als zulässigen Protest gegen die Bundeswehr. Denn seiner Ansicht nach hat die Bundeswehr nichts in Schulen zu suchen.

Bentiks Einschätzung nach gehe es in dem möglicherweise strafrechtlich relevanten Meme nicht darum, den Jugendoffizier mit der SS in Verbindung zu bringen. Vielmehr kritisiere es die Bundeswehr als Ganzes. Das Bild mache auf die aus seiner Sicht bestehenden faschistischen Strukturen in der Bundeswehr aufmerksam, so der ehemalige Schüler.

Unterstützung für den Schüler - auch aus der Bundespolitik

Die "Internationale Jugend Freiburg", der Bentik nach eigenen Angaben angehört, hatte den Fall in den sozialen Medien öffentlich gemacht. Die Gruppierung setzt sich unter anderem gegen eine Wiedereinführung der Wehrpflicht ein. Ihrer Darstellung nach habe der Jugendoffizier die Schule besucht, um für die Bundeswehr zu werben.

Social-Media-Beitrag auf Instagram

In einer Mail an den SWR schreibt die Organisation: Der Offizier sei an das Angell-Gymnasium gekommen, "um Jugendliche für Krieg und Militarisierung zu gewinnen." Die Internationale Jugend kritisiert die Anklage gegen Bentik: "Während der deutsche Staat Waffen liefert und weiter Kriege unterstützt, sollen diejenigen bestraft werden, die das kritisieren und sich gegen Kriegspropaganda stellen."

Unterstützung für den Schüler kommt auch aus der Bundespolitik. Vinzenz Glaser, Freiburger Bundestagsabgeordneter der Linkspartei, forderte die Staatsanwaltschaft auf, das Verfahren gegen Bentik fallen zu lassen.

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Spendenaufruf für Schüler bringt über 1.500 Euro

Die Unterstützer von Bentik haben eine Spendenaktion gestartet, um die eventuellen Prozesskosten abzudecken. Inzwischen sind über 1.500 Euro zusammengekommen. Die durch den möglichen Prozess entstehenden Kosten seien damit bereits mehr als abgedeckt, heißt es auf der Website.

Wurde dem Schüler mit Schulverweis gedroht?

Bentik sagt, dass er in der Vergangenheit häufiger mit seiner Schule aneinandergeraten sei. Laut eigener Aussage habe ihm das Angell-Gymnasium mitgeteilt, dass er bei einem weiteren Vorfall von der Schule fliegen werde. In persönlichen Gesprächen sei er eingeschüchtert worden.

Dem widerspricht der Schulleiter des Angell-Gymnasiums Alexander Hochsprung: Bentik sei niemals mit einem Schulverweis gedroht worden. Gleichwohl habe es Gespräche mit ihm gegeben, weil er sich in der Vergangenheit bereits kritisch zur Bundeswehr geäußert und auch anonyme Flugblätter mit Vorwürfen gegen Kollegen und Mitschüler verteilt habe.

Er sei auch nicht "für seine kritische Haltung gegenüber der Bundeswehr oder seine bekanntermaßen linke politische Orientierung kritisiert" worden, so Hochsprung. Die Schule habe Bentik im Gegenteil dazu ermutigt, seine kritische Haltung gegenüber der Bundeswehr "in angemessener Weise auszudrücken".

Schüler droht Geldstrafe oder Sozialarbeit

Wie angemessen Bentiks Memes sind, entscheidet nun die Justiz. Nach der Anzeige des Jugendoffiziers ermittelte die Staatsanwaltschaft bis Ende August und übergab den Fall dann an das Amtsgericht Freiburg. Ob es zu einem Verfahren kommt, ist noch offen. Weder der Jugendoffizier noch die Bundeswehr haben auf mehrfache SWR-Anfragen reagiert. Sollte es zu einem Verfahren kommen, könnte Bentik eine Geldstrafe oder Sozialarbeit drohen.

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Lukas Herzog
Lukas Herzog
Nikolaus Rhein
Nikolaus Rhein ist Reporter für Hörfunk, Online und Fernsehen beim SWR im Studio Freiburg.
Christof Gerlitz

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