Ein Windrad zu bauen, ist keine einfache Angelegenheit. Vor allem, weil es oft viel Widerstand gibt. In der rund 14.000 Einwohner-Stadt Ettenheim am Fuße des Schwarzwalds (Ortenaukreis) ist das nicht so. Im Gegenteil: Rund 350 Menschen haben sich dort zusammengeschlossen, um zwei eigene Windräder zu bauen. Das eine steht bereits, das zweite soll in etwa drei Jahren in Betrieb gehen. Und die Bürgerenergie-Genossenschaft in Ettenheim hat auch noch weitere Projekte. Ihr Beispiel zeigt: Der Umstieg auf erneuerbare Energien kann funktionieren, wenn viele an einem Strang ziehen.
Neues Windrad der Genossenschaft soll bald grünen Strom erzeugen
Auf dem Höhenrücken im Schwarzwald zwischen Ettenheim und Schuttertal (Ortenaukreis) stehen insgesamt drei Windräder. Eines davon ist das der Genossenschaft. An diesem Morgen ist es nebelig. Die Rotorblätter sind kaum zu erkennen. Auch wenn sich "ihre Mühle" noch nicht dreht: Die beiden Genossenschafts-Vorstände Jörg Bold und Armin Geppert sind jetzt schon stolz auf das, was sie zusammen mit ihren 350 Genossinnen und Genossen geschafft haben.
Vor ein paar Jahren hätte ich mir das nicht zugetraut, dass ich mich da dran wage. Und jetzt: Das ist eine phänomenale Leistung, was die Gruppe mit ihren Partnern geschafft hat.
Vor fast sechs Jahren war es nur eine Idee. Nächste Woche ist es dann soweit und die Flügel des Windrads sollen sich drehen. Neben der Ettenheimer Bürgerenergie-Genossenschaft unterhalten die Unternehmen Alterric und Ökostrom jeweils ein Windrad im Windpark Schnürbuck. Zusammen sollen die Windräder dann mehr Strom produzieren, als alle Ettenheimer Privathaushalte zusammen benötigen. Um genau zu sein: 30 Millionen kWh Strom erwarten die drei Betreiber pro Jahr. Die drei neuen und modernen Windräder ersetzen fünf bereits abgebaute, alte Windenergieanlagen.
Knapp 10 Millionen Euro kostet das Windrad die Genossenschaft
Ihr Windrad kostet die Genossenschaft 9,5 Millionen Euro. Rund 1,5 Millionen hat sie davon selbst gestemmt, unter anderem durch eine Fundraising-Kampagne unter ihren Mitgliedern. Dass die so gut angenommen wurde, hätten die Vorstände selbst nicht gedacht. Innerhalb von einer halben Stunde seien die erforderlichen 800.000 Euro zusammen gewesen, so Jörg Bold.
Die restlichen acht Millionen Euro kommen als Kredit von der Bank. Um den abzuzahlen, will die Genossenschaft die Einnahmen aus den Stromerlösen des Windrads nutzen. Die Genossenschaft rechnet dabei mit einer Million Euro pro Jahr.
Genossenschaft betreibt auch PV-Anlagen und Car-Sharing-Autos
Das neue Windrad ist aber bei weitem nicht das einzige Projekt der Genossenschaft: Angefangen hat alles im Jahr 2011 mit Photovoltaik-Anlagen. Mittlerweile betreibt sie Module auf zwölf Gebäuden in Ettenheim - vorwiegend auf kommunalen Gebäuden. 2016 kam dann das erste Windkraftprojekt dazu: Der Bürgerwindpark Südliche Ortenau mit sieben Windenergieanlagen. Und auch Car-Sharing-Autos hat die Genossenschaft in die Gemeinde geholt.
Von Beginn sei dabei darauf geachtet worden, dass die Mitglieder überwiegend aus Ettenheim und der näheren Umgebung kommen. Wer Mitglied werden will, kann für maximal 10.000 Euro Genossenschaftsanteile kaufen. Das soll die Beteiligung von großen Investoren verhindern. Der wirtschaftliche Nutzen der Projekte solle bei den Bürgerinnen und Bürgern vor Ort ankommen, so Jörg Bold. Für erworbene Anteile seien bisher pro Jahr drei Prozent Dividende ausgeschüttet worden.
Erfolgreich, weil viele an einem Strang ziehen
Gegründet wurde die Genossenschaft 2011. Die Idee dazu hatte damals Jörg Bold. In der Zeitung hatte er gelesen, dass Ettenheims Bürgermeister Bruno Metz in seiner Neujahrsansprache die Gründung einer Bürgerenergie-Genossenschaft befürworte und sich vorstellen könne, dass sich die Stadt daran beteilige. Das ließ sich Bold nicht zweimal sagen. Heute leitet er zusammen mit Armin Geppert und Christian Ringwald die Genossenschaft.
Von Anfang an habe die Stadt die Ettenheimer Bürgerenergie bei ihren Projekten unterstützt, so Bold. Bürgermeister Metz ist zudem Aufsichtsratsvorsitzender der Genossenschaft. "Alles, was wir getan haben, haben wir in sehr engem Schulterschluss mit der Stadt getan", erzählt Bold. Genau so sei es richtig, findet er. Es brauche viele, die an einem Strang ziehen, um die Energiewende zu schaffen.
Ich glaube, eine Voraussetzung ist, dass ein Teil der Bürgerschaft vertrauensvoll mit der Stadt zusammenarbeitet. Dann kriegt man auch die Themen beim Ausbau erneuerbarer Energien gestemmt.
Dass es in Ettenheim bisher keine Bürgerinitiative gegen die Windräder gibt, liege auch an dieser guten Zusammenarbeit zwischen Stadt und Bürgern - und natürlich an der Arbeit der Genossenschaft. Daran, dass die Bürgerinnen und Bürger aus der Region die Möglichkeit haben, auch finanziell von den Erlösen der Projekte zu profitieren.
Die Genossenschaft spielt da eine große Rolle, weil sie einfach dem Bürger vermittelt, dass wir hier vor Ort was tun. Und dass das Geld auch wieder hier her zurückfließt.
Schon das nächste Windrad geplant
Und schon das nächste Projekt steht an: Im Wald bei Ettenheim, nicht weit vom Windpark Schnürbuck, will die Genossenschaft noch ein Windrad bauen. Wenn alles läuft wie geplant, ist 2027 der Spatenstich. Denn Jörg Bold hat eine Vision: Den Strom, den sie durch Windkraft und PV-Anlagen generieren, direkt an die Mitglieder liefern. Das geht aufgrund der aktuellen Rahmenbedingungen aber noch nicht.
Bisher muss der erzeugte Strom zum Großteil ins öffentliche Netz eingespeist werden und wird so an den nächstgelegenen Verbraucher geleitet. Sollte sich das einmal ändern, dann könnte sich Ettenheim tatsächlich selbst mit Strom versorgen und wäre ein Leuchtturm-Projekt für ganz Baden-Württemberg.