Schon bald wird die 19-jährige Pflegeschülerin Alisha Fleisch aus Freiburg examinierte Pflegefachfrau sein. Sie kann es kaum erwarten - nach drei Jahren Ausbildung. Zu Beginn ihrer Ausbildung im St. Josefskrankenhaus konnte sie sich gut vorstellen, in die Kinderpflege zu gehen. Doch dazu wird es erst einmal nicht kommen. Zu unsicher fühlt sie sich nach eigenen Angaben im Umgang mit Kindern und Säuglingen. Und damit ist sie nicht allein. Denn die Pflege von Säuglingen und Kindern komme in der neuen Pflegeausbildung viel zu kurz, kritisieren Experten. Das hat fatale Folgen.
Kommt Kinderkrankenpflege in der Ausbildung zu kurz?
Während angehende Pflegekräfte in der neuen Ausbildung in der Erwachsenenpflege 2.400 Stunden Praxis absolvieren, sind es im pädiatrischen Bereich gerade einmal 120 Stunden. Martin Schneidinger, Ausbilder von Alisha Fleisch am St. Josefskrankenhaus und Schulleiter der Artemed-Pflegeschule in Freiburg, sieht darin ein großes Problem. "Insgesamt haben die Auszubildenden jetzt ein Wissen, das breit ist, aber in vielen Bereichen nicht sehr tief geht. Das geht in der Regel zu Lasten der Praxis", kritisiert er.
Das baden-württembergische Gesundheitsministerium verteidigt auf SWR-Nachfrage die Reform. Der Berufsabschluss qualifiziere unabhängig vom Vertiefungsschwerpunkt für alle Versorgungssektoren, heißt es. Doch Ausbilder Martin Schneidinger betont, dass besonders die Pflege von Babys und Kindern spezifisches Wissen und Erfahrung erfordere. Kinder entwickeln sich geistig und körperlich ständig weiter, was die Pflege besonders anspruchsvoll mache.
Kinder sind keine kleinen Erwachsenen.
Auch Bettina Beyer-Lichtblau, die für Baden-Württemberg zuständige Vertreterin des Berufsverbands Kinderkrankenpflege Deutschland, beobachtet die aktuelle Entwicklung mit Sorge. Die Auszubildenden würden nach ihrem Abschluss nicht das Können und Wissen mitbringen, was auf Kinderstationen oder etwa Neonatologien, Kinderintensivstationen, gebraucht werde.
Problem: Spezialisierung in der Kinderkrankenpflege wird kaum angeboten
Nach zwei Jahren Ausbildung könnten sich Azubis eigentlich spezialisieren, auch in der Kinderkrankenpflege. Noch in diesem Jahr will die Bundesregierung die generalisierte Ausbildung evaluieren. Dabei wird auch die Spezialisierung in der Kinderkrankenpflege auf dem Prüfstand stehen.
Doch viele Schulen und Krankenhäuser bieten diesen Schwerpunkt nicht mehr an. Denn dafür müssten für wenige Auszubildende extra Lehrkräfte abgestellt werden. Nach eigenen Angaben ist das finanziell für Häuser wie das Artemed-Klinikum in Freiburg nicht machbar. Die Lernenden, die sich in der Kinderkrankenpflege spezialisieren wollen, müssten also ihr Ausbildungskrankenhaus wechseln. Ein Schritt, der vielen zu groß scheint.
Aktuell entscheiden sich nach zwei Jahren lediglich ein Prozent der Auszubildenden für eine Vertiefung im Bereich Kinderkrankenpflege. Schulleiter Martin Schneidinger hat dafür eine einfache Erklärung: Weil die Auszubildenden kaum mit Kindern in Kontakt kommen, seien sie im Umgang mit Kindern sehr unsicher. Deswegen würden sehr wenige diesen Weg gehen. Hinzu kommt: Die drei Wochen, die die angehenden Pflegekräfte innerhalb von drei Jahren in der Kinderkrankenpflege verbringen, können auch in Kindertagesstätten absolviert werden. Das sei hochproblematisch.
Auslaufmodell Kinderkrankenpflege?
Bundesweit fehlen bereits über 6.500 Fachkräfte in der Kinderkrankenpflege. Für Baden-Württemberg liegen keine genauen Zahlen vor. Auf Nachfrage kann weder das baden-württembergische Gesundheitsministerium noch die Krankenhausgesellschaft Auskunft darüber geben, wie groß der Fachkräftemangel ist.
Schulleiter Schneidinger warnt, dass die wenigen Fachkräfte auf den Kinderstationen noch zusätzlich belastet würden.
Die Einarbeitung der Examinierten dauert länger, viele Dinge können sie jetzt nicht mehr als selbstverständlich voraussetzen.
Nach drei Jahren Pflegeausbildung: Für Kinderkrankenpflege nicht bereit?
Pflegeschülerin Alisha Fleisch zieht eine nüchterne Bilanz am Ende ihrer Ausbildung. "Tatsächlich würde ich mich gar nicht bereit fühlen, in das Arbeitsleben, wo ich mich um Kinder kümmere, reinzustarten", sagt sie. Stattdessen wird sie nach ihrem Abschluss in der Unfallchirurgie arbeiten.