Originale Strohschuhe werden im Schwarzwald immer seltener. In der Strohmanufactur Schonach (Schwarzwald-Baar-Kreis) werden die Schwarzwälder Strohschuhe noch wie vor 150 Jahren hergestellt, ganz traditionell. Das Handwerk beherrschen nur noch wenige. Ingrid Schyle und Marco Kimmig gehören zu den wenigen. So viel Arbeit steckt dahinter.
20 Stunden Arbeit für einen Strohschuh
In der Strohmanufactur in Schonach sitzt Ingrid Schyle über einem Schuh aus Roggenstroh. Sie zieht die Nadel mit Faden mühsam durch den geflochtenen Roggenzopf. "Ich nähe momentan den Roggenzopf auf die Schuhleiste", erklärt sie. Was simpel klingt, ist hartes Handwerk. Bis zu 20 Stunden Arbeit steckt sie in einen Schuh. "Einen Strohschuh kriegt man nicht mit der Maschine gefertigt", erklärt sie. "Das ist eine Handarbeit, die sehr viel Kraft braucht".
Förderverein baut eigenes Roggenstroh an
Der originale Schwarzwälder Strohschuh besteht aus langhalmigem Roggenstroh. Und genau das ist das Problem. Der Roggen wird mittlerweile niedrig gezüchtet, die Halme sind zu kurz zum Flechten. Für das Strohflechten baut der Förderverein der Strohmanufactur Schonach das Getreide inzwischen selbst an - im Schulgarten und auf eigenen Flächen. Nach dem Anbau wird der Roggen mit einer Sense geerntet, danach getrocknet und gelagert. "Man bekommt dann auch nochmal eine ganz andere Wahrnehmung und eine ganz andere Bindung zu diesem Schuh und dem Material", erzählt Schyle.
Jeder einzelne Halm ist wertvoll. Ein nachhaltiges, glänzendes, goldenes Material. Einfach schön.
Sohlen für Strohschuhe sind auch eine Herausforderung
Doch selbst mit eigenem Anbau reicht die Ernte kaum aus und das Stroh ist nicht die einzige Herausforderung. Für die Hexenstrohschuhe braucht es eine robuste Sohle - traditionell aus Gummi von Autoschläuchen. Auch die sind mittlerweile kaum noch zu bekommen. Der Autoschlauch mache die Schuhe stabiler für die Straße, erklärt Strohflechter Marco Kimmig. Zwar sei das Gummi oft sehr rutschig, aber das dürfe es auch sein. "Die meisten Hexen wollen ja an Fasnacht rutschen", sagt Kimmig lachend.
Qualität hat seinen Preis: "Die Leute müssten bereit sein, mehr zu zahlen"
Die Hexen legen vor allem Wert auf echte Schwarzwälder Qualität. "Ich habe 150 Euro dafür gezahlt", sagt eine Ammelbachhexe auf dem Obereschacher Umzug. "War teuer, aber Handarbeit." Eine Villinger Hexe sagt, es seien die bequemsten Schuhe überhaupt. "Dafür gibt man gern Geld aus", sagt sie. 120 bis 150 Euro für ein Paar sind keine Seltenheit, für Schyle und Kimmig aber zu wenig.
Rechnet man selbst nur zehn Arbeitsstunden mit annehmbarem Stundenlohn pro Schuh, wird klar: Eigentlich sind sie zu günstig. "Die Leute müssten bereit sein, mehr zu zahlen", sagt Schyle. Doch viele greifen inzwischen zu industriell gefertigten Modellen. "Wenn ich heute auf die Fasnet gehe, schaue ich den Hexen anders auf die Füße", sagt sie. "Dann denke ich immer: Na ja, made in China, also die sind nicht im Schwarzwald produziert."
Stirbt das Strohflechthandwerk langsam aus?
Das Strohhandwerk in Schonach hat Tradition. Früher war es ein wichtiger Erwerbszweig, vor allem in den Wintermonaten. In der Strohhutfabrik Sauter wurden Hüte und später auch Fasnachtsartikel hergestellt. Heute ist von der Fabrik nur noch die Erinnerung geblieben - der Förderverein betreibt nun die Strohmanufactur in der Ortsmitte. Rund 150 Mitglieder engagieren sich, um das Wissen und das Handwerk weiterzugeben.
Denn die eigentliche Sorge geht über fehlende Halme und Schläuche hinaus. Nicht nur das Material ist rar, sondern auch die Menschen, die das Handwerk beherrschen.
Ist das Handwerk vielleicht schon ausgestorben?
In den Kursen von Kimmig lernen Interessierte, ihre Schuhe aus Bast oder Stroh selbst zu flechten. Bast, die faserige Schicht zwischen Stamm und Rinde, ist leichter zu bekommen und einfacher zu verarbeiten. Doch an den Glanz von Roggen kommt es nicht heran.
Sein Schuh selbst flechten und liebhaben
Strohschuhe und Fasnet gehören im Schwarzwald untrennbar zusammen. Sie sind Teil der Heimat, Teil des Häs, Teil der Identität. Doch die Hexen in der Region mit ausreichend Schuhen zu versorgen, ist fast unmöglich. "Ihr Narren, kommt doch mal und produziert eure Schuhe selbst", schlägt Kimmig vor. "Dann seht ihr, was für Arbeit da dahinter steckt und jeder hätte auch seinen individuellen Schuh, den er vielleicht wertschätzt und liebhat."
Den eigenen Schuh selbst flechten und lieben lernen. Eine mögliche Lösung für den Erhalt des Handwerks. Noch sitzen in Schonach zwei, die weitermachen. Sie säen, ernten, flechten und nähen. Für ein Stück Schwarzwald unter den Füßen.