Sie werden in sozialen Medien verbreitet, fluten Familien-Chats und sind auch auf der Arbeit oder in der Schule präsent: Fake News zu Corona, zu Weltanschauungen oder ganz aktuell zur vergangenen Bundestagswahl kursieren schon lange nicht mehr nur im Netz. Das macht nicht nur etwas mit den Menschen, die sie glauben. Sondern auch mit denen um sie herum.
Nikolas Stegen aus Freiburg kennt das: Einer seiner Freunde glaubt an Fake News und verbreitet sie seit der Coronapandemie auch. Nikolas war davon überfordert, sagt er. "Wenn mir eine Person eine Theorie erklärt, wo ich von vorne bis hinten keinen Zusammenhang sehe, dann frage ich mich erstmal: Was soll ich jetzt sagen so, was willst du von mir?"
Freiburger Beratungsstelle hilft bei Überforderung
Stegens erste Reaktion: Schulterzucken und das Thema abtun. "Anfangs war der Umgang holprig, weil immer mehr rechte Statements [von meinem Freund] kamen, womit ich nicht so richtig umgehen konnte. Da hat man dann irgendwelche Sachen im Internet gefunden, die die eigenen Probleme vermeintlich erklären", sagt er.
Für eine Facharbeit in seiner Schule hat er sich intensiver mit Falschmeldungen und Verschwörungstheorien beschäftigt. Und er hat sich an die zentrale Beratungsstelle für Weltanschauungsfragen Baden-Württemberg (ZEBRA BW) in Freiburg gewandt.
Wut, Verzweiflung und Trauer durch Fake News
Dort erklärt Beraterin und Diplom-Pädagogin Sarah Pohl, wie sich Beziehungen ändern, wenn Menschen an Fake News glauben. "Grundsätzlich erwarten wir, dass unsere Freunde und Familie die eigene Meinung teilen", sagt sie. Verändere sich das, weil jemand an Fake News oder Verschwörungstheorien glaubt, könne es vor allem bei Angehörigen Gefühle wie Wut, Fassungslosigkeit oder Verzweiflung auslösen. Und das führe häufig auch zu mehr Streit, erklärt sie.
Zuwendung und Verständnis statt Vorwürfe und Verurteilung
Pohl empfiehlt, den Kontakt zu Menschen, die an Fake News glauben, aufrecht zu erhalten. Statt zu verurteilen sollte man als Angehörige oder Angehöriger versuchen, die andere Person und ihre Gründe zu verstehen, sagt sie. Manche Menschen glaubten Fake News, weil sie auf der Suche nach einfachen Antworten seien, so Pohl. Für andere löse das ein Gefühl von Zugehörigkeit aus.
Außerdem sei es wichtig, zwischen dem Menschen und seiner Meinung zu unterscheiden, sagt die Beraterin. Einer Freundschaft oder familiären Beziehung könne es helfen, auf das zu schauen, "was verbindet, gemeinsam irgendwie gut geht und Spaß macht", so Pohl. Sie rät zum Beispiel zu Regelungen wie: "Am Esstisch reden wir nicht über dieses Thema" und bewusst Grenzen zu setzen.
Nikolas Stegen und sein Schulfreund haben sich eingependelt, sagt er. Die Freundschaft habe sich verändert und inzwischen wüssten beide, über welche Themen sie sich unterhalten können, ohne zu streiten. Und über welche nicht.
Beraterin: Fake News können wie Verliebtheit sein
Pohl sagt, jemanden "bekehren" zu wollen sei besonders dann wenig sinnvoll, wenn sich Menschen frisch in eine Theorie "verliebt" hätten. Vor allem dann wolle man keine Kritik hören und suche eher noch mehr Gründe, warum die Theorie vermeintlich stimme.
Kontaktabbruch aus Selbstschutz
Den Kontakt abzubrechen, um sich selbst zu schützen, ist laut Pohl jederzeit in Ordnung. Wenn der Kontakt komplett abbricht, könne es aber sein, dass das Gegenüber noch tiefer in mögliche Verschwörungstheorien reinrutscht. Eine Alternative könnte deshalb eine zeitweise Kontakt-Pause sein. Das sollte man vorher im Gespräch ankündigen, betont Pohl.
Auch wenn es ein Tabuthema ist und man eine unterschiedliche Meinung hat, kann man der Person noch zuhören.
Austausch trotz unterschiedlicher Ansichten als Erfolg
Für Beraterin Pohl ist es ein Erfolg, wenn die Beteiligten es schaffen, im Kontakt zueinander zu bleiben. Das ist auch bei Nikolas Stegen der Fall: "Mein Umgang hat sich wahnsinnig geändert. Tatsächlich suche ich jetzt auch oft das Gespräch mit Menschen. Auch, wenn es ein Tabuthema ist und man eine unterschiedliche Meinung hat, kann man der Person noch zuhören."