Viele Jahre lang war die koptisch-orthodoxe Gemeinde in Tuttlingen nur Untermieter der Martinskirche. Bis die evangelische Gemeinde vor drei Jahren bekannt gab, einige Gebäude verkaufen zu müssen - darunter auch die Martinskirche. Seit Oktober wird die Kirche nun im orthodoxen Stil umgebaut. Was fehlt ist nur ein eigener Priester. Bislang kommt ein Pater zwei mal im Monat aus Stuttgart nach Tuttlingen. Mit einem eigenen Priester könnte aber wöchentlich Messe gefeiert werden.
Ganze Gemeinde hilft beim Umbau der Martinskirche in Tuttlingen
Seit sechs Monaten schuftet Victor Abd-Rabo aus Tuttlingen fast jeden Tag in der ehemaligen Martinskirche. Von morgens bis abends hilft er dort ehrenamtlich beim Umbau. Seit letztem Sommer gehört das Gebäude der koptisch-orthodoxen Gemeinde St. Mina und Anba Abraam. Damit sie sich richtig wohlfühlen, verändert die Gemeinde einiges: zwei Taufbecken, orthodoxe Mosaike, eine Ikonenwand - inzwischen sieht es fast aus wie in Ägypten. Die koptische Gemeinde in Tuttlingen sei Victors Lebenswerk, sagt seine Tochter Marina Lang. Umso mehr freue er sich, dass die Gemeinde nun ein eigenes Gotteshaus habe.
Die Kirche bei uns sagt, ein Christ ohne Kirche ist wie ein Mensch ohne Mutter.
Victor kam mit seiner Familie in den 1980er Jahren aus dem Sudan nach Tuttlingen. Etwa 70 Mitglieder hat die koptische Gemeinde hier inzwischen. Ursprünglich kommt der koptische Glaube aus Ägypten. Bereits im 1. Jahrhundert nach Christus soll die koptische Kirche dort vom Evangelisten Markus gegründet worden sein. Heute sind fast 15 Prozent der ägyptischen Bevölkerung koptische Christen. Auch in Tuttlingen haben die meisten Gemeindemitglieder ägyptische Wurzeln, kommen aber aus dem Sudan. Dort gibt es eine kleine koptische Minderheit. Seit rund 25 Jahren dürfen sie in der Kirche ihre Messe abhalten, lange Zeit aber nur in einem Nebenraum. Seit fünf Jahren auch in der eigentlichen Kirche.
Evangelische Pfarrerin: Mit Verkauf zufrieden
Vergangenes Jahr stand fest: die koptische Gemeinde darf die Martinskirche kaufen. Die evangelische Kirche konnte das Gebäude nicht halten - laut der Tuttlinger Pfarrerin Marie-Luise Karle hat die evangelische Kirche immer weniger Mitglieder. Das läge vor allem am demographischen Wandel der Gesellschaft, aber auch Kirchenaustritte spielten eine Rolle, so Karle. Mit dem Verkauf an die koptische Gemeinde ist die Pfarrerin aber zufrieden. "Es freut uns, dass die Kirche in guten Händen ist. Die Kirche bleibt als Kirchengebäude erhalten. Das ist einfach eine gute Perspektive. Im nachbarschaftlichen Umgang merkt man auch, wie der gemeinsame Glaube verbindet", so die Tuttlinger Pfarrerin.
Johannes Ghali kommt als Gast-Pater aus Stuttgart
Der Umbau soll noch wenige Woche dauern. Einen eigenen Priester, genannt Abuna, sucht die Gemeinde jetzt. Im Moment kommt Pater Johannes Ghali an zwei Samstagen im Monat aus Stuttgart. Schön wäre aber, wenn die Messe jeden Sonntag stattfinden könnte. Für Victor Abd-Rabo ist es wichtig, dass der Priester Deutsch kann - weil die Kinder und Enkel irgendwann nur noch Deutsch können, sagt er.