Die Diskussion um das Bürgergeld sorgt regelmäßig für Schlagzeilen und treibt auch Menschen in Freudenstadt um, die davon betroffen sind. Vor dem Hintergrund der aktuellen politischen Debatte hat der Vorstand des Sozialunternehmens "Erlacher Höhe", Wolfgang Sartorius, klargemacht, was er von den Vorschlägen von Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) hält. Der will, dass bei Bürgergeldempfängern unter anderem die Übernahme von Wohnkosten gedeckelt wird.
Sartorius sagte beim diesjährigen Sommergespräch, das hätte gravierende soziale Folgen. Was das konkret heißt, haben Bürgergeldempfänger dem SWR berichtet.
Trotz Bürgergeld manchmal nur Toastbrot
Einer von ihnen ist Hans-Jürgen. Der gelernte Einzelhandelskaufmann kämpft seit einigen Jahren mit Depressionen und sozialer Phobie. Die haben lange Zeit dazu geführt, dass er nicht arbeiten konnte. Nun versucht er, schrittweise in Teilzeit ins Arbeitsleben zurückzukehren. Das Bürgergeld hat ihm in Zeiten, in denen er nur wenig oder gar nicht arbeiten konnte, geholfen, über die Runden zu kommen.
Hans-Jürgen sagte im Gespräch mit dem SWR, dass er zwar sehr dankbar für die Unterstützung sei, es aber auch Zeiten gab, in denen am Monatsende trotzdem kaum Geld für Lebensmittel übrig war. Kino, Schwimmbad oder essengehen war nur selten möglich.
Wenn komplett das Geld ausgeht, heißt es schon auch mal: Jetzt die Tage nur Toastbrot.
Bürgergeld kann helfen, wieder in Teilzeit zu arbeiten
Kleine Anschaffungen wie Klamotten oder Reparaturen müssen genau geplant werden, sagt er. Ein unvorhergesehener Motorschaden am Auto kann da schnell zu einem Problem werden. Das Bürgergeld macht es Hans-Jürgen möglich, erst einmal in kleinen Schritten wieder zurück in das Arbeitsleben zu finden - ohne sich zu schnell wieder überfordert zu fühlen.
Plötzlich blind: Das stellt alles auf den Kopf
Auch Frau S. aus dem Landkreis Freudenstadt ist auf Bürgergeld angewiesen. Sie möchte nicht, dass ihr Name oder ein Foto von ihr im Internet zu sehen ist. Ihr Leben änderte sich schlagartig, als ihre Tochter plötzlich erblindete. Dann zerbrach auch noch die Beziehung zu ihrem Mann und sie stand alleine mit zwei Kindern da. Arbeiten konnte sie kaum noch, weil die Pflege ihrer Tochter sie rund um die Uhr in Anspruch nimmt.
Jeder Mensch kann von heute auf morgen in diese Lage kommen.
Das Bürgergeld hilft ihr und ihrer Familie über die Runde zu kommen. Ohne diese Unterstützung - kaum vorstellbar für sie.
Erlacher Höhe: Mehrheit der Bürgergeldbeziehenden will arbeiten
Zahlen der Bundesagentur für Arbeit untermauern die Perspektive der Mitarbeitenden der "Erlacher Höhe" auf die Bürgergeldempfänger, die sie beraten: Im Jahr 2024 galten 23.000 von rund 4 Millionen Bürgergeldbeziehenden als sogenannte "Totalverweigerer". Die Mehrheit möchte arbeiten, erfahren Manuel Trick und Wolfgang Sartorius von der "Erlacher Höhe" immer wieder. Die Frauen und Männer, die zu ihnen kommen, könnten es aber aufgrund von gesundheitlichen Einschränkungen, Pflegeverpflichtungen oder fehlenden Betreuungsangeboten nicht in vollem Umfang.
Wir haben es hier nicht mit faulen Menschen zu tun, sondern mit Menschen, die arbeiten wollen, es aber nicht können.
Sartorius: "Vorurteile basieren auf falschen Annahmen"
Die Mitarbeitenden der Sozialeinrichtung warnen davor, die politische und gesellschaftliche Debatte auf dem Rücken der Betroffenen zu führen. Viele stigmatisierende Vorurteile basierten auf falschen Annahmen, so Vorstand Wolfgang Sartorius gegenüber dem SWR. Die Mehrheit der Bürgergeldempfänger und -empfängerinnen nutze die Unterstützung vorwiegend, um wieder ins Arbeitsleben zurückzufinden.