"Jeder Mensch kann in diese Lage kommen"

Wenn das Geld kaum reicht: Bürgergeldempfänger berichten von ihrem Alltag

Beim Sommergespräch der "Erlacher Höhe" in Freudenstadt sind Bürgergeldempfänger zu Wort gekommen und erzählen aus ihrem Leben. Sie widersprechen gängigen Vorurteilen über sie.

Teilen

Stand

Von Autor/in Tobias Rotzinger

Die Diskussion um das Bürgergeld sorgt regelmäßig für Schlagzeilen und treibt auch Menschen in Freudenstadt um, die davon betroffen sind. Vor dem Hintergrund der aktuellen politischen Debatte hat der Vorstand des Sozialunternehmens "Erlacher Höhe", Wolfgang Sartorius, klargemacht, was er von den Vorschlägen von Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) hält. Der will, dass bei Bürgergeldempfängern unter anderem die Übernahme von Wohnkosten gedeckelt wird.

Sartorius sagte beim diesjährigen Sommergespräch, das hätte gravierende soziale Folgen. Was das konkret heißt, haben Bürgergeldempfänger dem SWR berichtet.

Trotz Bürgergeld manchmal nur Toastbrot

Einer von ihnen ist Hans-Jürgen. Der gelernte Einzelhandelskaufmann kämpft seit einigen Jahren mit Depressionen und sozialer Phobie. Die haben lange Zeit dazu geführt, dass er nicht arbeiten konnte. Nun versucht er, schrittweise in Teilzeit ins Arbeitsleben zurückzukehren. Das Bürgergeld hat ihm in Zeiten, in denen er nur wenig oder gar nicht arbeiten konnte, geholfen, über die Runden zu kommen.

Hans-Jürgen sagte im Gespräch mit dem SWR, dass er zwar sehr dankbar für die Unterstützung sei, es aber auch Zeiten gab, in denen am Monatsende trotzdem kaum Geld für Lebensmittel übrig war. Kino, Schwimmbad oder essengehen war nur selten möglich.

Wenn komplett das Geld ausgeht, heißt es schon auch mal: Jetzt die Tage nur Toastbrot.

Bürgergeld kann helfen, wieder in Teilzeit zu arbeiten

Kleine Anschaffungen wie Klamotten oder Reparaturen müssen genau geplant werden, sagt er. Ein unvorhergesehener Motorschaden am Auto kann da schnell zu einem Problem werden. Das Bürgergeld macht es Hans-Jürgen möglich, erst einmal in kleinen Schritten wieder zurück in das Arbeitsleben zu finden - ohne sich zu schnell wieder überfordert zu fühlen.

Mehrere Personen haben in Freudenstadt beim Sommergespräch der Hilfseinrichtung "Erlacher Höhe" vom Alltag von Bürgergeldempfängern erzählt.
Beim Sommergespräch der Hilfseinrichtung "Erlacher Höhe" in Freudenstadt haben mehrere Beteiligte aus dem Alltag von Bürgergeldempfängern erzählt: Teamleiter der Wohnungsnotfallhilfe Manuel Trick, Bürgergeldempfänger Hans-Jürgen, Beraterin Eva Bezecná und Vorstand Wolfgang Sartorius (v.l.n.r.).

Plötzlich blind: Das stellt alles auf den Kopf

Auch Frau S. aus dem Landkreis Freudenstadt ist auf Bürgergeld angewiesen. Sie möchte nicht, dass ihr Name oder ein Foto von ihr im Internet zu sehen ist. Ihr Leben änderte sich schlagartig, als ihre Tochter plötzlich erblindete. Dann zerbrach auch noch die Beziehung zu ihrem Mann und sie stand alleine mit zwei Kindern da. Arbeiten konnte sie kaum noch, weil die Pflege ihrer Tochter sie rund um die Uhr in Anspruch nimmt.

Jeder Mensch kann von heute auf morgen in diese Lage kommen.

Das Bürgergeld hilft ihr und ihrer Familie über die Runde zu kommen. Ohne diese Unterstützung - kaum vorstellbar für sie.

Erlacher Höhe: Mehrheit der Bürgergeldbeziehenden will arbeiten

Zahlen der Bundesagentur für Arbeit untermauern die Perspektive der Mitarbeitenden der "Erlacher Höhe" auf die Bürgergeldempfänger, die sie beraten: Im Jahr 2024 galten 23.000 von rund 4 Millionen Bürgergeldbeziehenden als sogenannte "Totalverweigerer". Die Mehrheit möchte arbeiten, erfahren Manuel Trick und Wolfgang Sartorius von der "Erlacher Höhe" immer wieder. Die Frauen und Männer, die zu ihnen kommen, könnten es aber aufgrund von gesundheitlichen Einschränkungen, Pflegeverpflichtungen oder fehlenden Betreuungsangeboten nicht in vollem Umfang.

Wir haben es hier nicht mit faulen Menschen zu tun, sondern mit Menschen, die arbeiten wollen, es aber nicht können.

Sartorius: "Vorurteile basieren auf falschen Annahmen"

Die Mitarbeitenden der Sozialeinrichtung warnen davor, die politische und gesellschaftliche Debatte auf dem Rücken der Betroffenen zu führen. Viele stigmatisierende Vorurteile basierten auf falschen Annahmen, so Vorstand Wolfgang Sartorius gegenüber dem SWR. Die Mehrheit der Bürgergeldempfänger und -empfängerinnen nutze die Unterstützung vorwiegend, um wieder ins Arbeitsleben zurückzufinden.

Bundestagsabgeordnete aus BW kritisieren CDU-Vorschlag Streit ums Bürgergeld: Wie viele Arbeitsverweigerer gibt es überhaupt?

Wer Arbeit verweigert, dem soll das Bürgergeld ganz gestrichen werden, fordert CDU-Bundesgeneralsekretär Linnemann. Bundestagsabgeordnete aus BW halten den Vorschlag für falsch.

Armut: Bürgergeld-Empfängerin Sandra kann ihrem Sohn einige Dinge nicht ermöglichen, das tut ihr weh

Sandra aus Karlsruhe war vor einigen Jahren in den Medien, weil sie Jens Spahn dazu aufgefordert hat, einen Monat von Hartz IV zu leben. Heute stockt die alleinerziehende Mutter ihr Bürgergeld mit einem kleinen Job auf.

Stuttgart, Karlsruhe

Wenig Geld in der Weihnachtszeit "Mama, wir sind arm": Zwei Alleinerziehende und ihr herausfordernder Alltag

Kein Geld für den Weihnachtsmarkt oder neue Kleider: Zwei alleinerziehende Mütter aus Karlsruhe und Stuttgart erzählen, was es bedeutet, auf Hilfen vom Staat angewiesen zu sein.

Zur Sache! Baden-Württemberg SWR BW