Ein Jahr nach dem Fund einer gut erhaltenen, aber leeren Grabkammer aus der Keltenzeit haben Forscher des Landesamtes für Denkmalpflege einiges entdeckt an der Grabungsstelle bei Riedlingen (Kreis Biberach). Vieles ist aber auch für sie noch rätselhaft. Sicher ist: Die Grabung soll nicht nur das Geheimnis der leeren Kammer lüften, sondern auch das der großen Plünderung.
Schwarze Eichenbalken vollständig erhalten
Vor etwas mehr als einem Jahr waren Archäologen des Landesamts für Denkmalpflege in Esslingen begeistert. Luftaufnahmen und ein Hügel waren Anzeichen dafür gewesen, dass auf einem Acker in der Nähe von Riedlingen etwas Historisches im Boden lag. Der Acker wurde gepachtet und los ging die Grabung. Tatsächlich kamen mächtige schwarze Balken zum Vorschein, bestens erhalten - die Decke einer Grabkammer. Etwa 1,20 Meter hoch, mit ebenfalls erhaltenen Wänden und Boden, erbaut im Jahr 584 vor Christus. Nach Monaten waren die Eichenstämme geborgen. Doch die Kammer war leer.
Keltengrab: nach erster Enttäuschung doch noch tolle Funde
Kein Wagen, auf dem die Toten solcher Keltengräber normalerweise aufgebahrt wurden, kein Begrabener, keine Gefäße, Schmuck - nichts. Roberto Tarpini, der die Grabung betreut, fand das schon ein wenig enttäuschend, sagte er dem SWR. Warum war die Kammer wie leer gefegt? Aber dieses Gefühl legte sich. Denn erstens ist und bleibt der Fund einer solchen gut erhaltenen Kammer etwas Besonderes. Und zweitens wurden der Archäologe und sein Grabungsteam inzwischen doch noch fündig.
Grabungsschacht bringt einen Toten und mehr zum Vorschein
Nach und nach kamen Dinge zum Vorschein, die in der Nähe der eigentlichen Kammer in der Erde konserviert wurden: Haare, Fellreste, bearbeitetes Holz, gerollte Rinde. Und die Knochen eines Menschen. Erste Untersuchungen ergaben: Es war ein Mann zwischen 15 und 20 Jahren, der dort bestattet war. Das Skelett war, so erzählt es Tarpini, nicht vollständig erhalten. Er vermutet, dass die Räuber den Toten durch das relativ enge Einstiegsloch aus der Kammer heraus gezerrt und alles Wertvolle, was am Körper war, weggenommen haben, also Kleidungsstücke und Bronze- oder Metallverzierungen.
Grabräuber von Riedlingen hinterlassen Spuren
Pietätvoll lief das Ganze sicher nicht ab. Auch dass der Wagen zerlegt und in Einzelteilen heraus geholt wurde, offenbart ein resolutes Vorgehen. Aber, weiß Experte Leif Hansen, Grabraub war durchaus üblich, vor allem, wenn ein Hügelgrab wie dieses von Weitem sichtbar war und man wusste, dass dort eine höher stehende Person bestattet wurde. Dass es nicht "irgendjemand" war, ist für die Archäologen logisch - eben weil man nur für die Bestattung ranghoher Personen solch einen Aufwand betrieb. Vielleicht, hofft Tarpini, finden sie noch Knochen eines weiteren Menschen, weil es ihnen ungewöhnlich erscheint, dass man bloß für einen so jungen Mann das Hügelgrab errichtet hat.
Wem gehörte der Korb?
Weil es beim Plündern wahrscheinlich schnell gehen musste, sind Spuren davon übrig geblieben: Nägel von Wagenrädern etwa. Holzreste, von denen die Metallteile - weil wertvoll - weggerissen wurden. Woher die organischen Funde wie Haare oder Fellreste stammen, muss erst noch ermittelt werden. Genauso spannend ist ein außergewöhnlicher Einzelfund, der das Geheimnis um den Zeitpunkt der Plünderung lüften könnte: ein Korb, der noch feinsäuberlich von Erde befreit und erforscht werden muss.
Noch ist unklar, aus welchem Material der Korb ist. Aber die Forscher sind zuversichtlich, ihn bald genau datieren zu können. Dann wird klar, wann genau die Grabräuber das 80 Zentimeter breite Einstiegsloch in die Kammerwand geschlagen haben und ob sie den Korb zum Abtransport nutzten. Oder war er eine Grabbeigabe, die die Plünderer zwar heraus holten, aber dann zurückgelassen haben?
Riedlingen: nicht weit von der Heuneburg und dem Bussen
Spannend findet Archäologe Hansen auch den Zusammenhang zwischen dem Fundort Riedlingen, dem Bussen und der Heunebeurg. Alle drei Keltenstätten liegen nur wenige Kilometer voneinander entfernt. Auch bei Hayingen (Kreis Reutlingen) und im sogenannten Heidengraben auf der Alb lebten Keltengruppen. Gehörten sie zusammen? Oder waren das verschiedene Sippen?
Zeitlich waren die Orte alle zur selben Zeit bewohnt. Leif Hansen hofft, dass sich bei der weiteren Auswertung der Funde die Chance einer genetischen Analyse ergibt. Die könnte helfen zu klären, wie die verschiedenen Keltenorte dort zueinander standen. Waren sie verwandt, einander wohl gesonnen, oder womöglich Konkurrenten? Bisher ist alles denkbar.