Die IHK Reutlingen geht davon aus, dass sich die Unternehmen künftig immer häufiger selbst um Wohnungen für Azubis und Fachkräfte kümmern müssen. Denn in den Kreisen Tübingen, Reutlingen und Zollernalb ist Wohnraum knapp. Nicht nur kleine günstige Wohnungen fehlen, sondern auch solche für Familien mit vergleichsweise hohem Einkommen.
Fehlende Wohnung kann Jobwechsel verhindern
Daniel Zimmermann von der Firma Erbe Elektromedizin berichtet von dringend benötigten Fachleuten, die gerne für Erbe arbeiten würden. Beim Vorstellungsgespräch scheint alles zu passen, nur eine Frage bleibt offen: Wo kann ich in Tübingen oder Umgebung mit meiner Familie unterkommen? Daran kann alles scheitern.
Das betrifft laut IHK Reutlingen, Fachkräfte aus dem Ausland, aber auch aus anderen Teilen Deutschlands. Auch wer es sich leisten könne, eine schöne große Wohnung zu mieten, finde oft keine.
Erbe will deshalb in Rangendingen im Zollernalbkreis 14 Wohnungen bauen. Dort betreibt das Unternehmen ein Werk mit etwa 400 Beschäftigten. Das Grundstück ist gekauft, 15 Fußminuten vom Werk entfernt. Die Pläne sind fertig, am Montag, 1.12.2025 ist Spatenstich geplant.
Interessenten gibt es schon mehr als genug. Und die Vorstellung, mit Kolleginnen und Kollegen auch nach Feierabend zu tun zu haben, weil man im selben Haus wohnt, sei für viele sogar angenehm, sagt Daniel Zimmermann.
Über 500 neue Wohnungen für Fachkräfte
Die Uniklinik Tübingen hat in deutlich größerem Maßstab gebaut: 520 Wohnungen in neun Gebäuden, für Schülerinnen und Schüler, aber auch für Personal. Bald soll die feierliche Schlüsselübergabe stattfinden. Die Häuser liegen genau zwischen den Kliniken auf dem Berg und denen im Tal, so dass die Beschäftigten per Rad oder zu Fuß zur Arbeit kommen können.
Die Uniklinik als Anstalt des öffentlichen Rechts muss all ihre Einnahmen nutzen, um die Patienten zu versorgen. Sie darf damit nicht bauen. Deshalb hat sie Bausparverträge abgeschlossen, Kredite aufgenommen, um Fördermittel gekämpft, um die neuen Gebäude bauen zu können.
Miete pro Quadratmeter über 20 Euro
Obwohl die Klinik mit der Vermietung keinerlei Gewinn machen will, kostet eine Wohnung mit gut 13 Quadratmetern in den Neubauten über 350 Euro Miete im Monat. Damit will die Uniklinik bis in 34 Jahren ihre Kredite abbezahlt haben.
Die Patientenzahlen steigen, sagt Tobias Schneider von der Uniklinik Tübingen. Fach- und Arbeitskräfte seien immer schwieriger zu finden. Da sei es sehr wichtig, dass man Beschäftigten Unterkünfte anbieten kann. Nicht nur, um die Fachkräfte zu gewinnen, auch um sie zu halten.
Wohnungsmangel auch auf dem Land
Das Familienunternehmen, die Bäckerei und Konditorei BeckaBeck mit Hauptsitz in Römerstein-Böhringen, hat ein altes Haus gekauft und renoviert. Darin wohnen jetzt die Azubis aus Vietnam und Madagaskar, erzählt Helena Beck von der Geschäftsleitung. Außerdem habe das Unternehmen ein Haus in Merklingen angemietet und für Beschäftigte hergerichtet. Und als auf dem Firmengelände Lager-Garagen gebaut wurden, haben sie gleich Mitarbeiter-Wohnungen darüber gebaut.
Denn auch auf dem Land seien Wohnungen knapp, erklärt Helena Beck. Und wenn mal etwas frei würde, wissen die Vermieter meist schon jemanden im Bekanntenkreis, der etwas sucht. Gerade bei den ungewöhnlichen Arbeitszeiten im Bäckereihandwerk sei es aber besonders wichtig, dass die Leute in der Nähe des Arbeitsplatzes auch wohnen können. Denn ohne Auto ist es sonst schwierig, lange vor Sonnenaufgang in der Backstube zu erscheinen.