Anstelle von Medikamenten

Wenn sich im Kopf alles dreht: So hilft eine App gegen Schwindel

Chronischer Schwindel stellt viele Betroffene vor große Herausforderungen. Eine neue Methode aus Tübingen verspricht medizinische Erfolge - und zwar per App. Was steckt dahinter?

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Von Autor/in Catharina Straß

Für Franz Hellmann aus Reutlingen ist es "ein kleines Wunder". Vier Jahre lang war der Schwindel sein ständiger Begleiter. Hat sich Hellmann gebückt oder beim Duschen die Augen geschlossen, drehte sich alles. Das habe ihn "total eingeschränkt", erinnert er sich. Heute kann der 76-Jährige den Alltag wieder schwindelfrei erleben. Er fährt sogar Ski oder Fahrrad. Dank einer App, sagt er.

Schwindel ist eine der schlimmsten Sachen.

Tübinger HNO-Arzt entwickelt App gegen Schwindel

Entwickelt hat sie das Unternehmen von Hans-Peter Zenner, der ehemalige ärztliche Direktor der Universitätsklinik für Hals-, Nasen- und Ohrenheilkunde (HNO) in Tübingen. Die App "Vertidisan" enthält tägliche Lernvideos für Schwindel-Betroffene. Darin zeigen Physiotherapeutinnen und -therapeuten Gleichgewichtsübungen - einstellbar auf die jeweilige Diagnose. Ein Sprecher gibt dazu Anweisungen. Wer damit übt, bekommt jeden Tag ein neues Video.

Die Betroffenen sollen in der Regel 90 Tage lang die Lektionen mitmachen. "Die Übungen wirken zentral am Gehirn und lösen einen Lernprozess aus. Das führt zu einer Unterdrückung des Schwindels", erklärt der Mediziner.

Studie zeigt: App kann vielen Schwindel-Patienten helfen

Dieses Konzept ist nach einer neuen klinischen Studie der Universitätskliniken Aachen, München und Tübingen erfolgreich. Laut Deutschem Ärzteblatt wurden gut 200 Schwindel-Betroffene zwischen 18 und 92 Jahren untersucht: Die eine Hälfte erhielt Krankengymnastik, wie sie in der Regel vom Hausarzt empfohlen wird. Die andere Hälfte testete eine Behandlung per App. Das Ergebnis: Bei 88 Prozent der App-Nutzenden wurde der Schwindel mit den Übungsvideos deutlich weniger. Die Physiotherapie-Sitzung hingegen half nur knapp 17 Prozent.

Laut Stephan Wolpert, Oberarzt und Leiter des Schwindelzentrums am Uniklinikum für HNO in Tübingen, liegt das besonders an der Regelmäßigkeit der Übungen. Er hat selbst an der Studie mitgewirkt: "Wir haben zeigen können, dass man mit so einer App in der Lage ist, Patienten besser zu versorgen als wenn wir sie mit einer Überweisung zum Physiotherapeuten schicken." Das liege nicht an der Qualität der Physiotherapie. Vielmehr würden die Krankenkassen lediglich sechs Sitzungen pro Hausarzt-Rezept übernehmen.

Auf dem Bildschirm eines Tablets zeigt eine Frau Übungen zur Schwindelbekämpfung. Eine Studie zeigt die Wirksamkeit einer App-basierten Methode.
Jeden Tag erhalten die Schwindel-Patienten 20 Minuten lang Übungen zum Nachmachen. Das Besondere: Die Videos werden täglich neu freigeschaltet und sind im Voraus nicht einsehbar. Die dadurch entstehende Spannung motiviert laut Mediziner die Betroffenen. Jochen Krumpe

Bewegung hilft bei Schwindel

"Wir sehen, dass es bei Patienten mit chronischem Schwindel wichtig ist, dass sie regelmäßig Übungen machen", erklärt Wolpert. Er empfiehlt den von Schwindel geplagten Menschen daher auch ein Hobby mit Bewegung. "Gehen Sie tanzen oder spazieren", meint der Oberarzt. Denn: Gute Medikamente gegen Schwindel gebe es nicht. Diese Erfahrung hat auch Hans-Peter Zenner als Arzt gemacht: "In der Regel kommt der Patient zurück und sagt: Das Arzneimittel hat nicht oder viel zu wenig geholfen."

Daher habe er sich 2021 entschieden, ein Unternehmen zu gründen und eine Schwindel-App zu entwickeln. Diese ist seit letztem Jahr auf dem Markt und EU-weit als therapeutisches Medizinprodukt zugelassen. Bis jetzt haben rund 1.000 Menschen "Vertidisan" genutzt. Private Krankenkassen übernehmen die Kosten, gesetzlich Versicherte hingegen müssen für die Anwendung 220 Euro zahlen.

Dank App: "Fühle mich wieder wie ein normaler Mensch"

Franz Hellmann aus Reutlingen ist den Schwindel damit losgeworden. "Ich fühle mich wieder wie ein normaler Mensch", freut sich der 76-Jährige. Laut Angaben verschiedener Fachgesellschaften und Fachärzte erlebt jeder Dritte in Deutschland irgendwann im Leben Schwindel. Die Ausprägungen können dabei ganz individuell sein.

Auch wenn Hellmann sich im Alltag wieder sicher fühlt: Die Sorge, dass sich irgendwann wieder alles drehen könnte, bleibt: "Schwindel ist eine der schlimmsten Sachen", meint er. Dauernd fühle man sich unsicher. Dagegen kämpft Hellmann inzwischen täglich: Mit Übungen in der App.

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