Frühgeborene Kinder, sogenannte Frühchen, haben keinen einfachen Start ins Leben. Manche von ihnen wiegen bei der Geburt nur ein paar hundert Gramm. Sie überleben dank intensiver medizinischer Versorgung. Am Steinenberg Klinikum in Reutlingen kümmert sich seit 30 Jahren der Kinderkardiologe Hans-Christoph Schneider um diese kleinen Patienten. Unterstützt wird er dabei vom Reutlinger Verein Frühchen, der sich ebenfalls seit drei Jahrzehnten für Frühgeborene und ihre Familien einsetzt.
Der Tag auf der Kinderintensivstation beginnt früh für den leitenden Oberarzt Schneider. Mit seinem Team, bestehend aus Ärztinnen, Pflegekräften und Physiotherapeuten, macht er Visite. Bevor er in ein Zimmer geht, schaut er auf einen Monitor und liest die aktuellen Werte ab: Atmung, Herzfrequenz, Gewicht.
Die Herausforderungen sind groß. Nicht selten kommt es bei Frühchen zu Hirnblutungen, sagt Schneider. Viele kämpfen mit Herz-, Lungen- oder Darmproblemen, die sie oft ein Leben lang begleiten. Trotz der Belastungen strahlt der Mediziner Optimismus aus. "Das liegt auch an dem tollen Team." Alle hätten ein Ziel: Leben retten.
Frühchen Verein unterstützt Eltern und Klinik
Zum Team kann man auch den Reutlinger Verein Frühchen zählen. Er hat in den letzten 30 Jahren viel bewegt. Früher waren die Räume auf Station grau, passende Kleidung oder Windeln für Frühchen gab es nicht, und eine Nachbetreuung der Familien war nicht üblich. Heute leuchten Boden und Wände in fröhlichen Gelbtönen, es gibt speziell entwickelte Kleidung und Windeln in Minigrößen. Eine weitere Errungenschaft: Eine Wohnung auf dem Klinikgelände. Dort können Eltern mit weiten Anfahrtswegen übernachten.
Verein macht Muttermilchbank möglich
Vor rund fünf Jahren hat der Verein dafür gesorgt, dass die Reutlinger Steinenberg Klinik als eine der ersten in Baden-Württemberg eine Muttermilchbank bekommen hat. "Oft reicht die eigene Muttermilch nicht aus", erklärt Vorsitzende Sabine Dörr. "Andere Mütter haben dagegen zu viel Milch und können diese spenden. Für Frühchen kann diese Milch lebensrettend sein."
Die Muttermilch versorge die Frühchen optimal und sei auch für die Psyche von Müttern, die nicht stillen könnten, wichtig, sagt Hans-Christoph Schneider. Es sei für die Frauen eine Entlastung, zu wissen, dass auch ihr Kind die wichtigen Nährstoffe der Muttermilch bekämen.
Nicht alle Frühchen überleben
Vieles läuft auf der Kinderintensivstation anders, als man das vom üblichen Klinikalltag sonst kennt. Die Atmosphäre ist warm, freundlich und keiner wirkt gestresst. Schon gar nicht der leitende Oberarzt Schneider. Er nimmt sich viel Zeit für seine kleinen Patienten und deren Eltern. Er erklärt ihnen, wie sie ihre Kinder optimal pflegen und füttern müssen, und versucht, Ängste und Unsicherheiten abzubauen.
Doch nicht immer gibt es ein Happy End. Einmal starb ein Frühchen, nachdem es fast ein Jahr lang intensiv betreut wurde. "Das sind schwere Momente", gibt Schneider zu. Dennoch schöpft er Kraft aus den positiven Erfahrungen und den Fortschritten seiner kleinen Patienten. Und besonders freut es ihn, wenn ihm eines seiner Frühchen Jahre später als gesunder Erwachsener wieder begegnet.
Welt-Frühgeborenen-Tag
Jedes Jahr am 17. November findet der Welt-Frühgeborenen-Tag statt. Er will auf die besondere Situation von Frühchen und deren Familien aufmerksam machen. Viele Kliniken, Kommunen, Organisationen und Vereine beteiligen sich mit besonderen Aktionen. So leuchtet zum Beispiel dieses Jahr die Reutlinger Stadthalle lila. Lila gilt weltweit als die Farbe für Frühchen und soll Hoffnung symbolisieren.