Wenn Eltern und Kind die Geburt traumatisch erleben

So unterstützt Psychotherapeutin Sabine Ihle Eltern von Frühchen

Die Geburt des eigenen Kindes ist für viele Menschen einer der wichtigsten Tage im Leben. Wenn das Baby aber zu früh kommt, bedeutet das oft Sorgen und große Ängste. Psychotherapeutin Sabine Ihle unterstützt Eltern mit Frühchen nach der Geburt.

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Stand

40 Wochen dauert eine Schwangerschaft normalerweise. Wenn ein Baby vor der 37. Schwangerschaftswoche zur Welt kommt, dann gilt es als sogenanntes Frühchen. Jedes Jahr kommen laut Bundesverband rund 65.000 Frühgeborene zur Welt. Etwa jedes zehnte Kind ist ein Frühchen.

Sabine Ihle begleitet seit Jahren als Psychotherapeutin Eltern von Frühgeborenen, sowohl in der Klinik auf der Früh- und Neugeborenenstation als auch in ihrer eigenen Praxis. Sie ist selbst früh geboren und sie hat das Kinderbuch "Kraken kennen keine Berge. Ein Abenteuer rund um die frühe Geburt" darüber geschrieben.

Eltern stehen nach der Geburt unter Schock

SWR1: Wie erleben Eltern die frühe Geburt ihrer Kinder und die Zeit danach?

Sabine Ihle: Für die Eltern kommt die Geburt meistens unerwartet und häufig geht es dann auch ums Überleben von Mutter und Kind. Das ist ein Schock für die Eltern. Man darf sich psychisch vorstellen, dass die Eltern sich darauf eingestellt haben, dass das Kind nach 40 Wochen auf die Welt kommt.

Das ist eine Achterbahn zwischen Glücksgefühl, aber auch Angst und Ohnmacht.

Aus dieser inneren Zeiteinstellung werden die Eltern rausgeworfen und erleben sich dann häufig in einem Ausnahmezustand. Das ist eine Achterbahn zwischen Glücksgefühl natürlich, dass das Kind überlebt, aber auch Angst und Ohnmacht.

So wird Eltern von Frühchen geholfen

SWR1: Man sagt in solchen Fällen, die ganze Familie ist früh geboren. Was bedeutet das?

Ihle: Früher hat man den Fokus ganz stark auf das Kind und sein Überleben gesetzt und jetzt sieht man im Rahmen der Familienzentrierten Neonatologie (Anm. d. Redaktion: Neonatologie ist ein Spezialbereich der Kinder- und Jugendmedizin, die sich mit den typischen Erkrankungen von Neugeborenen und mit der Behandlung von Frühgeborenen auseinandersetzt) immer mehr Eltern und Kind als eine Einheit.

Das heißt, wir haben zum einen das Kind – früh geboren, noch sehr verletzlich – und die Eltern sind eigentlich psychisch in einer ähnlichen Situation. Auch sie sind geschockt, verletzlich, mit sehr viel Ungewissheit konfrontiert und brauchen einen Raum von Geborgenheit.

Wir versuchen, möglichst früh Kontakt mit den Eltern aufzunehmen. Wir fragen erstmal, wie es ihnen geht, denn die Eltern sind nur am Funktionieren. Sie sagen, "ich weiß gar nicht, wann ich zum letzten Mal gegessen hab oder wie das Wetter draußen ist". Es geht erst mal darum, dass die Eltern sich selbst und ihre Bedürfnisse wieder wahrnehmen.

Mit Frühchen über ihre Geburt sprechen

SWR: Ab wann sollten Eltern mit ihrem frühgeborenen Kind über seine Geburt sprechen und wie geht man sowas an?

Ihle: Wir empfehlen den Eltern, direkt nach der Geburt dem Kind vorzulesen, um auch aus dieser Sprachlosigkeit im Zusammensein mit dem Kind herauszukommen, die sie häufig nach der Geburt erleben. Die Kinder interessieren sich eigentlich ab dem Alter von drei bis fünf Jahren für die Umstände ihrer eigenen Geburt. Deshalb empfehlen wir den Eltern auch, in dem Zeitraum mit den Kindern darüber zu sprechen.

Außerdem empfehlen wir, Bilder aus dieser Zeit im Kinderzimmer aufzuhängen, sodass das Kind sie sehen kann und auch die Gelegenheit hat, nachzufragen. [...] Man weiß, dass das Reden über zum Teil auch dramatische Erlebnisse die Verarbeitung unterstützt. Die Erfahrungen zum Beispiel im Brutkasten, die können nicht gelöscht werden, aber es können neue andere Erfahrungen daneben gesetzt werden. [...]

Wir gehen davon aus, dass sich mit dem Erzählen auch die Erinnerung und Bewertung der Erlebnisse verändert. Und dass das Kind mehr Selbstbewusstsein und Selbstwirksamkeitserleben entwickelt.

SWR1: Besteht nicht die Gefahr, dass ein Kind dann erst ein Trauma erfährt, wenn es diese Bilder sieht und Geschichten hört?

Ihle: Da können wir die Eltern beruhigen. Die Eltern können da gar nichts falsch machen. Mit dem Bilderbuch oder überhaupt mit dem Erzählen kann nichts ausgelöst werden, was sowieso schon im Kind ist.

Das vollständige Interview könnt ihr oben im Audio anhören.

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Bonding ist für die Bindung von Mutter und Kind etwas ganz Entscheidendes. Heute kommt das Kind noch im Kreißsaal gleich auf die Brust der Mutter oder einer Bezugsperson. Von Mirjam Kunze | Text und Audio dieses Beitrags stehen unter der Creative-Commons-Lizenz CC BY-NC-ND 4.0.

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Erstmals publiziert am
Stand
Das Interview führte
Michael Lueg
Michael Lueg
Interview mit
Sabine Ihle (Psychotherapeutin)

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