Zum 50. Mal findet am Wochenende der Landesposaunentag statt - seit 1946 ist Ulm die Heimat. Ein Zeitzeuge berichtet über ein zutiefst emotionales Erlebnis.
Wir schreiben den 2. Juni des Jahres 1946. Zum ersten Mal seit Kriegsende ist wieder Landesposaunentag. Und zwar in Ulm. Die Stadt ist zu der Zeit noch völlig zerstört, alleine das Münster ragt aus den Ruinen empor. Und vor dem Kirchturm - inmitten von Trümmern - stehen rund 2.000 Bläser auf dem Münsterplatz. Umgeben von Zerstörung erklingen aus ihren Instrumenten machtvoll "Nun danket alle Gott" und "Gloria sei dir gesungen", das Lied des Sieges und der Sehnsucht nach der ewigen Heimat.
Landesposaunentag seit 1946 immer in Ulm
Und zum ersten Mal stimmen die vier verbliebenen Glocken des Münsters in die Posaunenklänge mit ein. Einst waren es neun, doch fünf von ihnen sind der Kriegsrüstung zum Opfer gefallen. Ein Szenario so gewaltig, dass einige der Bläser nach dem Schlusston in Tränen ausbrechen. Hermann Mühleisen, seit 1929 erster Landesposaunenwart, hielt die Posaunenarbeit in der NS-Zeit unter Schwierigkeiten auf niedriger Stufe lebendig. So konnte man nach dem Krieg schnell wieder darauf aufbauen.
Als der letzte Ton verklungen war, da wussten wir, dass nur Ulm der Platz künftiger Landesposaunentage sein kann.
Er leitete den Landesposaunentag 1946 in Ulm. Er schreibt danach: "Und als der letzte Ton verklungen war, da wussten wir, dass nur Ulm der Platz künftiger Landesposaunentage sein kann". So steht es in der Chronik der Württembergischen Landesposaunentage.
Walter Kirchner ist damals 15 Jahre alt. Er ist 1946 einer der 2.000 Musiker auf dem Münsterplatz. Heute ist er 95. Als er im SWR-Interview die Bilder von diesem Tag wieder sieht, erinnere er sich unmittelbar an diesen Moment, erzählt er. "Das war wirklich ein Erlebnis, das tief eingebrannt ist bei mir. Das gehört zu den stärksten emotionalen Erlebnissen meines Lebens überhaupt".
Durch einen Freund kam der Ravensburger zum "Nachkriegsposaunenchor", wie er ihn nennt, damals als Jüngster. "Die anderen waren teilweise Kriegsteilnehmer, die aus der Gefangenschaft zurückkamen", erzählt er.
Die Anreise zum ersten Posaunentag nach Kriegsende war alles andere als einfach. "Ich erinnere mich sehr deutlich, wie abenteuerlich die Fahrt bis Ulm war". Auf einem Lastwagen mit Holzbänken seien sie gesessen, zwischendurch hätten sie immer wieder anhalten müssen, um "nachzustochern", damit der Holzvergaser funktionierte. An einer Steigung mussten sie auch absteigen, weil der Lastwagen sonst zu schwer war, berichtet der Zeitzeuge.
Landesposaunentag 2025 mit rund 6.000 Bläserinnen und Bläsern
Morgens hin, nachmittags spielen und danach wieder zurück, wie noch 1946. Aus diesem anfänglichen Konzept ist mittlerweile eine Großveranstaltung geworden. Über 70 Veranstaltungen sind an den beiden Tagen des Festes in diesem Jahr geplant. Unter dem Motto "Alles Gute!" laden das Evangelische Jugendwerk und der Christliche Verein Junger Menschen (CVJM) in Ulm zum 50. Jubiläum des Landesposaunentags ein. Rund 6.000 Bläserinnen und Bläser aus ganz Baden-Württemberg werden in diesem Jahr nach Ulm kommen.
"Der Landesposaunentag ist ein großes Gemeinschaftsfest, wo viel Begegnung unterschiedlicher Generationen geschaffen wird", so Eberhard Fuhr. Er begleitet seit vielen Jahren für das Evangelische Jugendwerk den Landesposaunentag. So etwas gebe es sonst ganz selten. Los geht es am Samstagnachmittag mit den ersten Posaunenklängen in der Stadt, ehe die Veranstaltung ab 18 Uhr gemeinsam mit Oberbürgermeister Martin Ansbacher (SPD) auf dem südlichen Münsterplatz eröffnet wird.
Höhepunkte beim Landesposaunentag in Ulm
Um 19 Uhr am Samstagabend wird dann die "Serenade" auf dem Münsterplatz gespielt, mit rund 700 Bläserinnen und Bläsern. Ein besonderes Highlight ist laut Veranstaltern auch das Nachtkonzert um 21:30 Uhr in der Pauluskirche. Am Sonntag beginnt das Programm ab 10 Uhr mit insgesamt zwölf öffentlichen Gottesdiensten. Im Anschluss gibt es zahlreiche Freiluftkonzerte, Mitmachaktionen und weitere musikalische Angebote.
Tiefe Einblicke in die Geschichte des Landesposaunentags gibt die Ausstellung "Alles Gute - 50 Landesposaunentage und ihre besondere Bedeutung für die Posaunenarbeit in Württemberg" im m25 in Ulm. Ein Höhepunkt des Festes ist die traditionelle Schlussfeier am Sonntagnachmittag, wenn sich gegen 16 Uhr alle 6.000 Bläserinnen und Bläser auf dem Münsterplatz versammeln, um gemeinsam zu musizieren und beim Instrumentengruß ihre Posaunen in die Höhe zu strecken. Auch Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) hat sich zur Feier vor dem Ulmer Münster angekündigt.
Ich spüre das noch heute, wenn ich daran denke.
Für viele ist das noch heute ein emotionaler Moment. So hat es auch der 95-jährige Walter Kirchner in Erinnerung. In Ulm angekommen, bot sich eine einzige Trümmerlandschaft, erinnert er sich an 1946. "Ich habe die Bilder in mir. Der Platz vor dem Münster war natürlich freigeräumt, aber es standen freistehende Kamine und Mauerreste da".
Das gemeinsame Musizieren in dieser Kulisse mit den Glocken des Münsters war "so ergreifend, dass ich es heute noch nachspüre, wenn ich daran denke". Es sei ein Gemeinschaftserlebnis gewesen, wie man es selten im Leben habe. "Ich habe das wie eine neue Welt erlebt".