Zwei Wochen ist es her, dass Ferdi Soylu aus Ulm in der Türkei verhaftet wurde. Bei einem Verwandtenbesuch. Bis dahin, so berichtet sein Bruder dem SWR, habe es bei den Reisen nie Probleme gegeben. Genaue Hintergründe sind noch bekannt. Der Vorwurf lautet offenbar auf Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung.
SWR Aktuell: SWR-Experte Ahmet Senyurt aus der Redaktion Investigation und Recherche, wie kann es denn sein, dass jemand plötzlich diesen Vorwurf erhält und inhaftiert wird?
Ahmet Senyurt: Das kann zum einen daran liegen, dass es noch kein Update gab, als der Betroffene im vergangenen Jahr im Urlaub war. Und dass jetzt aber ein Update vorliegt und er jetzt sozusagen auf die Liste gekommen ist und aufgrund dessen festgenommen wurde. Oder es liegt eine Denunziation aus Deutschland, aus der Nachbarschaft oder woher auch immer vor. Dass jemand eine Anzeige über einen Messenger-Dienst in der Türkei gemacht hat. Und dann läuft das alles automatisch.
SWR Aktuell: Das Auswärtige Amt will helfen. Wie geht es denn jetzt für ihn weiter? Es gibt ja Fälle wie beispielsweise Deniz Yücel, der über ein Jahr im Gefängnis war.
Senyurt: Nun lässt sich der aktuelle Fall nicht mit dem des Kollegen Deniz Yücel von der "Welt" (die Zeitung "Die Welt", Anm. d. Red.) vergleichen. Deniz Yücel war in Isolationshaft, aber er hatte offenbar auch das Glück, dass hinter ihm der Verlag stand und auch die Politik Interesse hatte, ihn da herauszuholen. Das jetzige Opfer ist eine Privatperson. Er wird jetzt sozusagen im bürokratischen Ablauf sehen, ob es Wochen dauert, Monate oder vielleicht sogar Jahre, bis es zum Gerichtsprozess kommt und bis ein Urteil vorliegt.
SWR Aktuell: Weiß man denn, ob vermehrt deutsche Staatsbürger beobachtet werden?
Senyurt: Das ist so, seit 2017 beobachten wir dieses Phänomen. 2017 gab es Meldungen vom Auswärtigen Amt und von weiteren Behörden, dass man 85 Menschen aus Deutschland hatte, mit deutschem Pass und Doppelstaatler, die Verfahren hatten. Heute sind wir bei 144. Ich glaube, das zeigt in etwa die Dimension. 144 Menschen, die entweder im Gefängnis sitzen oder nicht ausreisen können, müssen sich in der Türkei der Justiz stellen.