Altersbegrenzung für Kinder bei Social Media empfohlen

Ulmer Psychiater: Eigenes Handy mit 12? Dann steigt das Depressionsrisiko

Social Media erst ab 13 Jahren: Diese Altersgrenze empfiehlt eine EU-Expertenkommission. Der Ulmer Kinderpsychiater Fegert erklärt im Interview die psychischen Risiken für Kinder.

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Von Autor/in Frank Polifke

Der Ulmer Kinder- und Jugendpsychiater Professor Jörg Fegert hat als Mitglied einer Expertenkommission im Auftrag der EU eine Empfehlung zur Altersbegrenzung für die Nutzung von Social Media erarbeitet. Sie ist als Handlungsrichtlinie für die Staaten der Europäischen Union gedacht. Fegert ist medizinischer Direktor der Kinder- und Jugendpsychiatrie am Universitätsklinikum Ulm. Im Interview mit dem SWR nennt er unter anderem Gründe für die von der Expertenkommission vorgeschlagene Altersbeschränkung.

Der Ulmer Kinder- und Jugendpsychiater Professor Jörg Fegert am Montag in Brüssel bei einer Pressekonferenz im EU-Hauptquartier: Zuvor war ein Bericht über die Sicherheit von Kindern im Internet veröffentlicht worden. Die Experten empfehlen, den Zugang zu Social Media für Kinder unter 13 Jahren in allen Mitgliedsländern zu beschränken.
Der Ulmer Kinder- und Jugendpsychiater Professor Jörg Fegert am Montag in Brüssel bei einer Pressekonferenz im EU-Hauptquartier: Zuvor war ein Bericht über die Sicherheit von Kindern im Internet veröffentlicht worden. Die Experten empfehlen, den Zugang zu Social Media für Kinder unter 13 Jahren in allen Mitgliedsländern zu beschränken. picture alliance/dpa/AP | Marius Burgelman

SWR: Herr Professor Fegert, Sie empfehlen für den Zugang zu Social Media eine Altersbegrenzung von 13 Jahren. Warum gerade 13?

Jörg Fegert: Weil es da relativ viele Befunde gibt, die uns die Entscheidung leicht gemacht haben. In der Vorpubertät sind vor allem Mädchen extrem anfällig für eine schlechte Entwicklung des Selbstwerts durch Körpervergleiche, die auf Social Media in diesem Alter häufig sind. Je früher, desto stärker ist das Risiko einer Suchtentwicklung. Wir haben andere Befunde, die zeigen, wenn ich mit zwölf ein eigenes Handy habe, ist das Risiko, mit 14 Angst oder Depression zu haben, signifikant. Wenn ich es mit 13 bekomme, habe ich ein erhöhtes Risiko für Schlafstörungen, aber nicht mehr den Zusammenhang mit den großen psychischen Störungen. Entwicklungsmäßig ist auch klar, dass man Kinder bis zur Vorpubertät eigentlich unter Kontrolle hat, während Jugendliche ihren eigenen Weg und Autonomie entwickeln müssen. Deshalb war das die richtige Altersgrenze, die wir einführen wollten.

SWR: Warum brauchen wir so eine Altersbeschränkung überhaupt?

Fegert: Weil die Befunde wirklich massiv sind. Wir haben eine psychische Belastung bei jungen Menschen, die wir so noch nie kannten. Und wir haben nicht immer klar bewiesene kausale Zusammenhänge, aber es ist ein Puzzle, bei dem immer mehr Daten zusammenkommen. Und deshalb haben sich viele Staaten eigentlich aufgerufen gefühlt zu handeln. Wenn Sie sehen, dass der G7-Gipfel jetzt Child Safety Online, also die Sicherheit von Kindern im Online-Bereich, mit in den Fokus genommen hat, dann ist, glaube ich, jetzt der Moment, wo man auch in Europa handeln muss.

SWR: Jetzt haben Sie ja für Ihre Empfehlung auch mit Kindern und Jugendlichen gesprochen. Was halten die denn von solchen Kontrollen?

Fegert: Das ist ganz erstaunlich: Jugendliche sagen, wir wollen ein sicheres Netz und wollen Zugang und wollen auch, dass unsere Beschwerden gehört werden. Gerade die deutschen Behörden haben ja darauf hingewiesen, wenn Jugendliche darauf hinweisen, da ist Material, was ich nicht will, sexuell übergriffige Dinge und so weiter, reagieren die Firmen oft nicht. Wenn das von den Landesmedienanstalten angemerkt wird, wird sofort reagiert. Also wir müssen auch die Macht der jugendlichen Konsumenten, sich ihr Netz zu kuratieren, verstärken. Jugendliche sind da sehr einverstanden, sie wollen ein sicheres Netz.

SWR: Zur Praxis und zur Kontrolle: Die EU hat dafür ja offenbar eine eigene App entwickelt, wie funktioniert die?

Fegert: Also die App ist quasi ein Identitätsnachweis, der aber nicht personalisiert ist, der nur deutlich macht, dass man in einer bestimmten Altersgruppe ist. Es gibt verschiedene Ansätze. Auch in Deutschland wird quasi eine EU-ID gerade vorangetrieben. Das Wichtigste ist, dass solche Nachweise verhältnismäßig sind, also nicht zu aufwendig, dass sie datensicher sind und dass sie nicht den Firmen erlauben, noch mehr Informationen über Jugendliche zu sammeln.

SWR: Sie haben also mit den Kindern und Jugendlichen gesprochen. Was haben Sie sonst noch gemacht, wie ist diese Empfehlung zustande gekommen?

Fegert: Also wir haben mit zahlreichen Experten gesprochen, die wir zu unterschiedlichen Treffen eingeladen haben. Wir haben mit Juristen gesprochen. Wir haben mit Medizinern, mit Psychologen, mit Pädagogen gesprochen. Wir haben mit Botschaftern gesprochen. Ich war auf dem Gipfel der Digitalminister. Also wir haben versucht, uns ganz, ganz viele Informationen reinzuholen, auch aus der Kommission selbst, wie die ganzen Vorgänge sind, wie die Verfahren, die jetzt gegen große Konzerne laufen, aufgebaut sind, wie der Nachweis getroffen ist. Und dann haben wir quasi unseren Bericht geschrieben.

SWR: Die EU-Kommissionschefin Ursula von der Leyen wirft den Anbietern der Plattformen vor, Kinder und Jugendliche abhängig zu machen von Social Media. Sehen Sie das auch so?

Fegert: Das Geschäftsmodell basiert ja darauf, Leute möglichst lang am Gerät zu halten, weil darüber die Werbeeinnahmen finanziert werden. Also Bildschirmzeit ist quasi bares Geld. Und das ist nicht im Interesse von Kindern und Jugendlichen. Im Prinzip sind das suchtmachende Geschichten. Das ist auch gut erforscht. Und wir wissen, dass gerade im Jugendalter die Reaktion auf Reize, die Reaktion auf Emotionen, noch anders ausgereift und noch sehr stark ist - und die Verhaltenskontrolle geringer. Also da wird sehr gezielt auf eine bestimmte Gefährdung abgezielt. Deutsche Daten zeigen zum Beispiel, dass ein erheblicher Prozentsatz junger Menschen eigentlich die Symptome einer Verhaltenssucht zeigt.

SWR: Mit welchen Folgen rechnen Sie nun durch diese Altersbegrenzung für die Kinder und Jugendlichen? Also in welchem Zeitraum könnte sich da irgendetwas Positives in Ihrem Sinn tun?

Fegert: Ja gut, hier spreche ich nicht mehr als Experte, sondern als ein Bürger, der hofft und sich wünscht, dass wir jetzt handeln. Jetzt ist die richtige Zeit, weil alle darüber reden. Ich würde mir schon wünschen, dass man im Prinzip im Herbst hier eine Agenda angeht. Aber das liegt nicht mehr in unserer Hand. Wir haben das Unsere getan innerhalb von dreieinhalb Monaten und hoffen jetzt, dass man versucht, das aufzugreifen und über Lösungen auch politisch zu diskutieren.

SWR: Und was hoffen Sie, dass diese Altersbegrenzung mit den Kindern und Jugendlichen macht?

Fegert: Also die zentrale Hoffnung ist auch wieder eine Aufwertung der realen Welt. Eine Jugendliche hat gesagt, die Eltern haben permanent Angst, wenn sie rausgeht. Wenn sie in ihrem Zimmer sitzt, denken sie, sie ist sicher. Dabei erlebt sie die schlimmeren Sachen im Netz als draußen mit Freunden. Ich glaube, was wir uns erwarten und erhoffen, ist eine Verstärkung von Aktivitäten in der echten Welt. Dass man wieder in Fußballvereine geht, dass man wirkliche Erfahrungen macht, wie es halt auch für die Kleinkinder wichtig ist, wirkliche Interaktionen zu haben und nicht ständig ein Signal-Input. Das wäre so mein Wunsch als Kinder- und Jugendpsychiater als Langzeitfolge unserer Empfehlungen.

SWR: Wenn sich die EU-Länder tatsächlich auf diese Altersgrenze festlegen, wie wird die dann umgesetzt?

Fegert: Ja, das wissen wir eben alle nicht. Das ist wirklich eine Sache der Politik. Also die Vorschläge haben wir ja: Wir haben die Vorschläge für die Altersgrenze. Wir haben die Vorschläge, dass die Länder noch höhere Altersgrenzen festlegen können. Und wie dann auch die Anbieter darauf reagieren, ob sie auf unser Angebot einsteigen, quasi die Daten offenzulegen, dass sie ihre Angebote sicherer gemacht haben. Das wird man dann sehen, ob der Hebel, den wir uns ausgedacht haben, funktioniert.

SWR: Ich bedanke mich herzlich.

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