Die Martinskirche in Langenau (Alb-Donau-Kreis) wird erneut zum Schauplatz von Anfeindungen: Dort hat es am Sonntag Handgreiflichkeiten zwischen Pro-Palästina-Demonstrierenden am Rande eines Gottesdiensts gegeben, teilte die evangelische Landeskirche am Montag mit.
Handgreiflichkeiten mit drei Beteiligten
Laut Polizei und Staatsanwaltschaft waren an den Handgreiflichkeiten drei Personen beteiligt. Laut einem Polizeisprecher hat ein 75-Jähriger, der Initiator der unangekündigten Pro-Palästina-Versammlung, einen 84-Jährigen nach dem Gottesdienst zu Boden gestoßen. Ein weiterer Mann soll den Angreifer zu Fall gebracht und getreten haben. Die Polizei ermittelt jetzt gegen die drei Männer.
Gegen den 75-Jährigen ermittelt die Polizei zudem wegen Beleidigung und übler Nachrede, da er den Pfarrer der Gemeinde, Ralf Sedlak, verunglimpft haben soll.
Staatsschutz ermittelt Judenfeindliche Parolen an Kirche und Rathaus in Langenau
"Boycott Israel" und "Juden vergasen" ist am Sonntagmorgen am Portal der Martinskirche und am Rathaus in Langenau (Alb-Donau-Kreis) zu lesen. Laut Polizei ermittelt der Staatsschutz wegen der Schmierereien.
Konflikt in Langenau schwelt schon länger
Im Dezember 2024 wurden antisemitische Schmierereien an der Kirche und am Rathaus entdeckt – unter anderem der Aufruf "Juden vergasen". Der Staatsschutz nahm Ermittlungen auf, die Polizei verstärkte ihre Präsenz.
Zudem wurden Gottesdienstbesucher eingeschüchtert. Dies führte nach Angaben Sedlaks dazu, dass Kirchgänger den Haupteingang der Kirche mieden oder auf den Livestream auswichen.
Die Anfeindungen gegen den örtlichen Pfarrer Ralf Sedlak begannen, als dieser im Oktober 2023 in einem Gottesdienst den Überfall der Terrororganisation Hamas auf Israel erwähnte. Sedlak verlas seinerzeit ein Kanzelwort des Landesbischofs, das Solidarität mit den israelischen Opfern zum Ausdruck brachte.
Landesbischof kritisiert Kommune und Landkreis - Bürgermeisterin reagiert
Landesbischof Ernst-Wilhelm Gohl sagte am Montag, es könne nicht sein, dass viele Gemeindemitglieder inzwischen den Gottesdienst nicht mehr besuchen. Hier wären schon lange Kommune und Landkreis gefordert gewesen, so Gohl. Es sei ein Trugschluss zu meinen, "einen solchen Konflikt aussitzen zu können".
Langenaus Bürgermeisterin Daria Henning (parteilos) weist diesen Vorwurf im Gespräch mit dem SWR zurück. Es gehe hier um zwei hohe Grundrechte - um Meinungsfreiheit und Religionsfreiheit. "Das sehen wir schon in einem gewissen Spannungsfeld. Aber bevor man konkrete Maßnahmen ableitet in Form von Aufenthaltsverbot und Allgemeinverfügungen, die beispielsweise verbieten, sich an einer bestimmten Stelle zu versammeln, muss auch eine konkrete Straftat vorliegen oder zumindest Hinweise auf eine konkrete Straftat vorliegen", so Henning.
Mit Blick auf die Vorfälle am Sonntag spricht sie von "einer noch nie dagewesenen Eskalationsstufe." Sie sei erschüttert von den Ausschreitungen an der Martinskirche. Seit mehr als einem Jahr bewerte man in der Stadtverwaltung die Situation rund um die Ausschreitungen. Auch wurden laut Henning bereits Gespräche mit der Polizei geführt. Noch diese Woche soll entschieden werden, welche Schritte die Stadt unternehmen wird.
Innenminister Strobl: "Extrem widerlich"
Der baden-württembergische Innenminister Strobl (CDU) sagte am Dienstag, "Antisemitismus, Schmierereien, Belästigung von Gottesdienstbesuchern, das Mobbing gegen diesen Pfarrer, das ist alles extrem widerlich und verachtenswürdig." Er habe erneut eine Besprechung angesetzt, was man tun könne.
Die Polizei könne aber erst dann eingreifen, wenn Straftaten verübt werden, so Strobl weiter. Wenn die Stadt eine Allgemeinverfügung erlasse, könne die Polizei wiederum kontrollieren, dass diese eingehalten werde.
CDU-Chef Hagel: "Übergriffe sofort abstellen"
Auch CDU-Landeschef Manuel Hagel sieht vor allem die Stadt Langenau in der Verantwortung. In einem Brief an die Bürgermeisterin schreibt er, "auch und gerade die Kommune als Polizeibehörde muss handeln und gegen den bekannten Störer vorgehen." Ständige anti-israelische Demonstrationen vor der Kirche, schlimmste antisemitische Schmierereien an der Kirche und jetzt sogar körperliche Auseinandersetzungen mit den Gottesdienstbesuchern seien ein unerträglicher Zustand, den es sofort zu beenden gilt, heißt es in dem Schreiben Hagels an die Stadt Langenau.