Wer durch die Fußgängerzone von Heidenheim schlendert, entdeckt in einer versteckten Gasse einen kleinen Laden, der eine Zeitreise ermöglicht: Hier dreht die "Schöne Württembergerin" ihre Runden, eine alte Schnellzug-Dampflokomotive - natürlich nicht in Echt, sondern als Modelleisenbahn.
Modellbauer Uwe Siedentop hat sich der detailgetreuen Nachbildung der Brenztalbahn verschrieben. Sein Lebensprojekt zeigt die Bahnstrecke zwischen Aalen über Heidenheim nach Ulm wie vor über 100 Jahren.
Siedentop begeistert sich seit Kindheitstagen für Dampfloks
Schon mit fünf Jahren hat Siedentop seine erste Eisenbahn zusammengebaut. "Als Kind war es für mich ein riesiges Erlebnis, wenn die Dampfloks vorbeifuhren und der Lokführer pfiff", erinnert sich der Eisenbahnhistoriker. Danach hat er sich jahrelang intensiv mit der Geschichte der Brenzbahn beschäftigt.
Die Reise in die Vergangenheit beginnt bei Siedentop zuhause in seinem Keller. Hier stapeln sich Zangen, Lupen, Kabel und natürlich: Modelleisenbahnen. "Wenn ich es aus der Kiste raushole, soll das Wägelchen nicht nach Plastik aussehen, sondern natürlich wirken, mit natürlichen Alterungen", erklärt er. Mit einer Prise Bremsstaub und viel Fingerspitzengefühl verleiht er den Rädern seiner Modelle eine authentische, gealterte Optik.
Ein Leben für die Brenztalbahn
In dem kleinen Laden in der Heidenheimer Fußgängerzone kann Uwe Siedentop längst nicht alles ausstellen, was er gebaut hat. Das meiste hat er in einem Lagerraum in Sontheim an der Brenz verstaut. Zeigen kann er es erst dann, wenn die jährlichen Treffen vom Freundeskreis Europäischer Modellbahner stattfinden. Hier kommen die Eisenbahnfreunde in einer Halle zusammen und bauen teilweise bis zu 500 Meter Gleis aneinander.
Seit Jahren recherchiert Siedentop in Archiven und Bibliotheken zur Brenztalbahn. Auf alten Bildern versucht er zu erkennen, wie die Umgebung damals aussah, um alles so detailgetreu wie möglich nachzubilden. Sogar ein Buch hat der gebürtige Heidenheimer verfasst.
1864 begann die Geschichte der Brenztalbahn mit der Eröffnung des ersten Teilstücks zwischen Aalen und Heidenheim. Zwölf Jahre später wurde die Strecke bis Ulm erweitert. Aktuell konzentriert sich Siedentop auf die acht Kilometer lange historische Nebenstrecke von Sontheim über Bächingen ins bayerische Gundelfingen.
Diese Verbindung wurde von 1911 bis 1956 befahren und war früher unter dem Namen "Gähsmetzger" bekannt. Beim lauten Pfiff der Lokomotive haben sich die Gänse in der Nähe wohl oft erschreckt und liefen dann Richtung Zug - leider seien viele von ihnen dann überfahren worden, erzählt Siedentop. Daher der Name "Gähsmetzger".
Seit 1956 fährt dort eigentlich kein Zug mehr. Die Gleise wurden aus wirtschaftlichen Gründen Stück für Stück abgebaut - nur ein etwa 600 Meter langes Gleisstück existiert heute noch. Und das wird gehegt und gepflegt von der Interessensgemeinschaft Sontheim. Auch Uwe Siedentop engagiert sich dort für den Erhalt des letzten Gleisstücks des "Gähsmetzgers", auf dem die Eisenbahnfreunde mit einer alten Diesellok regelmäßig hin und herfahren.
Besucher sind begeistert von der Modelleisenbahn
Die Brenzbahn detailgetreu nachbauen, so wie vor über 100 Jahren. Ein Lebensprojekt für den Heimatforscher und Bahnhistoriker. "Zu dieser Zeit war die Eisenbahn auf ihrem höchsten Niveau", erzählt Siedentop, der sich schon seit 40 Jahren mit der Bahngeschichte in seiner Region befasst. Danach wurden die Länderbahnen zur Deutschen Reichsbahn zusammengeführt. Mit diesem Schritt ging es für Siedentop mit der Eisenbahn bergab. Gleichzeitig wurde das Auto immer populärer und die Bahn als Verkehrsmittel unattraktiver.
Ich finde es total beeindruckend, wie viel Leidenschaft und Zeit da drinsteckt.
Siedentop hat wirklich alle Zutaten, um sich 100 Jahre zurückzuversetzen und sein Brenztal-Miniatur-Wunderland so realistisch wie möglich nachzubauen. Die Begeisterung der Besucher spricht für sich: "Ich finde es total beeindruckend, wie viel Leidenschaft und Zeit da drinsteckt", sagt ein Besucher des Ausstellungsraumes in Heidenheim. "Es ist so filigran und exakt gemacht, dass man gar nicht genug davon sehen kann."
Ein anderer Besucher schwelgt in Erinnerungen: "Das hier sind Kindheitserinnerungen für mich. Im digitalen Zeitalter ist es sehr schön, wenn man mal wieder Eisenbahnen sieht."