Einst die Oma, jetzt die Enkelin - seit 1953 gibt es den kleinen Hutsalon in Schechingen im Ostalbkreis. Erst führte ihn die Großmutter, heute übt Juliane Fischer darin den seltenen Beruf der Modistin aus. Die gelernte Meisterin in der Königsdisziplin der Hutmacherei fertigt Hüte nach Maß. Denn, ob aus Stoff, Wolle oder Stroh, ausgefallen oder schlicht - Hüte sind wieder in und werden sonst nur noch selten von freier Hand gestaltet.
Warum es im Hut-Atelier in Schechingen dampft
Im kleinen Hutsalon in einem Wohnhaus in Schechingen stapeln sich Hüte in Regalen bis unter die Decke. Hinten im Atelier wird genäht, gezogen und "garniert", was soviel heißt, wie - verziert. Und dabei steigt weißer Dampf auf: “Hier gibt es auch ordentlich Dreck. Gerade, wenn der Filz gebürstet wird, dann wird viel Staub aufgewirbelt. Und es dampft, wenn ich gleich den Filzhut in Form bringe ”, erzählt Juliane Fischer, die auf einem Stuhl vor einem langen Werktisch sitzt. Und manchmal zischt es auch im kleinen Atelier.
Modistin - inzwischen ein eigener Beruf
Gab es früher die Hutmacherinnen und Hutmacher, spreche man heute von Modisten. Der Unterschied liege darin, dass Letztere vor allem stärker frei gestaltend tätig sind. So müsse man gemäß der neuen Anforderungen des dualen Lehrberufs in der Lage sein, Kopfbedeckungen auch ohne Schablonen und vorgefertigte Formen zu gestalten. Auch ein Gespür für Trends gehöre dazu. "Da sind wir auch ein bisschen stolz drauf. Das Material von Hand zu ziehen, vor allem die Ränder und Hutkrempen zu formen, den Hut nach Kundenwunsch ganz individuell zu gestalten. Das ist das Besondere an unserem Beruf, was mir so viel Spaß macht", sagt die 44-Jährige.
Allerdings sei die Hürde vielleicht auch höher, so einen Beruf zu ergreifen, meint Modistin Juliane Fischer. Betriebe beschäftigten nur noch selten ausgesprochene Modisten. Die Prüfungen des Lehrberufs sind nur noch in Berlin und Stuttgart möglich. Sie selbst sei in der Prüfungskommission der Landesinnung der Modisten Baden-Württemberg und habe nach ihrer Lehre im Hutsalon der Oma noch den Meister obendrauf gesattelt.
Juliane Fischer: "Wollte schon als Kind Hüte machen"
2019 hat Juliane Fischer den Hutsalon der Oma übernommen, in dem sie schon als Kind viel Zeit verbrachte: "Hüte haben mich schon immer fasziniert. Ich wollte immer im Atelier sein. Und habe relativ schnell aus den Schubladen was rausgeholt und selber was ausprobiert. Als ich meinen ersten Hut gemacht habe, wollte ich ihn natürlich auch mit Preis im Fenster dekorieren. Fünf Mark wollte ich damals haben", erzählt sie lachend. Überglücklich sei sie gewesen, als ihr Hut beim nächsten Besuch bei der Oma "weg war". Eine Cousine hatte ihn gekauft.
Hüte - seltene Handwerkskunst hat ihren Preis
Manchmal dauert es mehrere Tage bis ein Hut fertig gestaltet ist, erzählt die Modistin: "Das kann sehr aufwändig sein, vor allem, wenn der Hut noch entsprechend mit Hutband, Blumen, Figuren verziert wird." Preislich seien da keine keine Grenzen gesetzt.
Natürlich komme nicht täglich jemand in das kleine Dorf Schechingen, um sich einen Hut anfertigen zu lassen. Vieles laufe auch übers Netz, zudem gehörten auch hinzugekaufte Hüte zum Repertoire des Hutsalons, in dem auch die Mutter von Juliane beim Verkauf hilft. Auch gibt es Aufträge aus der Umgebung, wie etwa ein neuer Hut für den Nachtwächter einer Nachbargemeinde oder zu besonderen Anlässen, wie Hochzeiten.
Als ich meinen ersten Hut gemacht habe, wollte ich ihn natürlich auch mit Preis im Fenster dekorieren. Fünf Mark wollte ich damals haben.
Hüte - gerne auch mal auffällig
Kürzlich habe sie für drei Kundinnen Hüte kreiert, die zu einem Pferderennen wollten: "Da darf der Hut natürlich richtig auffällig sein, ein Hingucker", so Fischer. Gerade jetzt zum Sommer seien leichte, neue Materialien, auch aus Stoffen mit Sonnenschutz und ausladendem Hutrand gefragt. Vor allem in unterschiedlichen Blautönen sowie Pink und Orange.
Modistin aus Ulm - Hüte auch fürs Theater
Auch in einem Hut-Atelier in Ulm-Böfingen wird seit vielen Jahren gewerkelt. Hier hat sich Christina Schlumberger "ihr eigenes Reich" geschaffen. Als ebenfalls gelernte Modistin kombiniert sie ihre Arbeit mit dem Beruf der Kostümbilderin. Als solche sind ihre Ideen so auch bei Produktionen von Theatern und Tanzkompanien in der Region gefragt.
Die Idee für einen Hut entwickelt sich Stück für Stück, während man daran arbeitet.
Auf einem hohen Ständer thront ein gewaltiger purpurroter Samthut mit überbreiter Krempe - 70 Zentimeter Durchmesser mit bodenlangen farbgleichen Fransen: "Damit er genug Stabilität hat, ist innendrin ein Metallgestell. Der war für eine Tanzaufführung für die Ulmer Strado Compagnia Danza", erzählt die 59-Jährige.
Vom Turban bis zum Hochzeits-Hut
Auf dem Tisch ihrer Werkstatt liegt ein grüner Turban-Hut mit langem Schleier. Dafür wurden mehrere Stofflagen auf einen festen Untergrund aufgebracht. Eine Schauspielerin wird ihn am Nachmittag für ein Theaterstück anprobieren.
Ob bunt gemustert mit großen Blumen, einfarbig oder strukturiert - in Christina Schlumbergers Werkstatt wird alles verarbeitet, was gefällt: "Wenn ich auf Ausstellungen was sehe, greife ich zu. Später wird dann daraus ein Hut oder auch dazu passende Armstulpen, eine Stola oder ein Kleid. Je nach Kundenwunsch arbeitet auch sie frei gestaltend. Dies sei oft ein langer Prozess: "Auch, weil die verwendeten Materialien zwischendurch trocknen müssen und sich die Idee für den Hut während des Arbeitens Stück für Stück weiterentwickelt."
Christina Schlumberger: "Ein Hut ist mehr als ein Accessoire"
Christina Schlumberger selbst geht meist nie ohne Hut aus dem Haus. Für sie ist er zudem mehr als ein Mode-Accessoire: "Ich sage immer, ein Mensch-Unikat kommt zu einem Hut-Unikat. Das ist ein bisschen wie eine kleine Liebschaft. Etwas ganz Individuelles. Ein Hut muss einfach super gut zu einem passen."