Wegen Vermüllung und Brandgefahr

Obdachlose in Ulm: Stadt räumt Camp unter der Eisenbahnbrücke

Die Stadt Ulm hat am Mittwoch ein Obdachlosen-Camp unter der Eisenbahnbrücke geräumt. Eine zweiwöchige Frist zur freiwilligen Auflösung war verstrichen.

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Von Autor/in Frank Polifke

Etwa zwei Jahre lang haben wohnungslose Menschen unter der Eisenbahnbrücke in Ulm gelebt. In wechselnder Besetzung, zuletzt zwei Frauen und zwei Männer, manchmal auch mehr. Die Ulmer Stadtverwaltung hatte sie geduldet, zuletzt aber wegen der hygienischen Zustände die Reißleine gezogen. Wie die Stadt dem SWR mitteilte, war der Platz immer stärker vermüllt und zog zunehmend Ratten an. Daher wurde das Camp geräumt.

Eine Frau verlässt ihr Lager unter der Brücke. Die Stadt Ulm hat am Mittwoch ein Camp von Obdachlosen unter der Eisenbahnbrücke an der Donau geräumt. Die angekündigte Aktion verlief nach SWR-Informationen friedlich.
Weiß noch nicht, wie es für sie weitergeht. Eine Bewohnerin des Wohnungslosencamps unter der Ulmer Eisenbrücke. Frank Polifke

Wegen zunehmender Vermüllung löst Ulm das Camp auf

Am Mittwoch gegen 13:30 Uhr hat der städtische Ordnungsdienst mit der Räumung begonnen. Diese lief nach SWR-Informationen friedlich ab. Vor Ort waren auch die sozialen Dienste der Stadt Ulm. Sie boten den Wohnungslosen Unterstützung an. Außerdem solidarisierten sich rund 20 Menschen mit den Menschen unter der Brücke.

Nach der Räumung ließ die Stadt noch am selben Tag Fahrradständer aufstellen. Damit soll verhindert werden, dass sich wieder Wohnungslose dort niederlassen.

Fahrradständer in einer Nische mit Graffiti unter der Eisenbahnbrücke in Ulm. Damit will die Stadt verhindern, dass wieder Wohnungslose dort campieren.
Nach der Räumung des Obdachlosencamps hat die Stadt Ulm unter der Eisenbahnbrücke Fahrradständer aufstellen lassen. Damit soll verhindert werden, dass wieder Wohnungslose dort campieren.

Bereits am Morgen war unter der Brücke nur noch wenig von dem Camp zu sehen. Ein zerschlissenes Sofa stand noch da, ein kleiner Bollerwagen mit ein paar Taschen und einem Alukoffer. Die drei Wohnungslosen, die zuletzt unter der Eisenbahnbrücke leben, verließen den Platz am Mittwochnachmittag.

Die Stadt Ulm plant, am Mittwochvormittag ein Obdachlosen-Camp unter der Eisenbahnbrücke zu räumen. Eine zweiwöchige Frist zur freiwilligen Auflösung ist verstrichen.
Ein Dutzend Menschen solidarisierten sich am Mittwochmorgen mit den Wohnungslosen unter der Eisenbahnbrücke in Ulm. Die Linkspartei hatte zu einem Protest aufgerufen. Frank Polifke

Für einige war der Räumungsprozess belastend: Ein Mann erzählte dem SWR am Morgen, dass seine Freundin, die ebenfalls im Camp gelebt hat, einen Nervenzusammenbruch erlitten habe und seit ein paar Tagen verschwunden sei. Mitglieder der Linkspartei hatten am Morgen gegen die Räumung protestiert: "Wir wollen uns einfach solidarisch mit den Bewohnern des Camps zeigen", sagte eine Frau dem SWR.

Ursprünglich wollte die Stadt das Camp bereits Anfang August auflösen. Die Partei "Die Linke" setzte sich damals für die wohnungslosen Menschen ein und startete eine Aufräumaktion: Etwa 20 freiwillige Helferinnen und Helfer entsorgten gemeinsam unter anderem Schuhe, Bücher und Kleidung. Viele prall gefüllte Müllsäcke.

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Stadt setzt Frist für freiwillige Auflösung

Die Aktion hatte zumindest einen Teilerfolg: Die Ulmer Stadtverwaltung blies die Räumung zwar nicht vollständig ab. Sie räumte den Campbewohnenden aber eine Frist von zwei Wochen ein, um das Zeltlager selbst aufzulösen.

Während der Frist fuhren Mitarbeitende der sozialen Dienste der Stadt immer wieder zum Camp, im Gepäck Angebote an die Wohnungslosen: Für mittel- und langfristige Unterbringung, für Zugtickets oder Autofahrten, falls sie anderswo hinziehen wollten - sogar für die Unterstützung bei der Kontaktaufnahme zu Verwandten. Angenommen haben die Campbewohnenden so gut wie nichts, teilte Katrin Vrkas von der Wohnungslosenhilfe der Caritas Ulm dem SWR mit.

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Manche Obdachlose wollen keine Wohnung

Es gibt so etwas wie freiwillige Obdachlosigkeit, sagt Claudius Faul von den sozialen Diensten der Stadt Ulm im Gespräch mit dem SWR. Viele Langzeitobdachlose wollen frei leben, in Räumen fühlen sie sich eingeengt. Ihnen eine passende Wohngelegenheit anzubieten, sei schwierig.

Zu den Wohnangeboten der Stadt sagte ein Bewohner des Camps dem SWR, er sei in einer der Unterkünfte gewesen. Die hygienischen Zustände dort seien schlimmer gewesen als im Camp. Katrin Vrkas von der Caritas vermisst unter den Möglichkeiten aber auch einen Mittelweg zwischen Wohnung und Obdachlosigkeit: Umgebaute Bauwägen oder alte Busse könnte sie sich vorstellen. Als Zwischenlösung. Oder sogar als langfristige.

Andreas Zukunft ist noch ungewiss

Andrea, eine langjährige Bewohnerin des Camps, steht vor einer ungewissen Zukunft. Ihre Lebensgeschichte hat viele Höhen und Tiefen: Nach 20 Jahren Ehe geschieden, mit einem anderen Mann weitere 15 Jahre zusammengelebt. Bis er starb. Dann landete Andrea auf der Straße. Lebte zuletzt in dem Camp unter der Ulmer Eisenbahnbrücke. Wie es für sie und die anderen Bewohnenden weitergeht, weiß sie nicht.

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