Seit Jahren geben die Steinzeitfunde aus Höhlen der Schwäbischen Alb der Wissenschaft Rätsel auf. Nun ist ein Forscherteam aus dem Saarland und Berlin wieder einen Schritt weitergekommen. Demnach weisen die Zeichenabfolgen auf den rund 40.000 Jahre alten Objekten die gleiche Komplexität und Informationsdichte auf wie Keilschriften, die deutlich jünger sind.
Die Schwäbische Alb als Wiege der heutigen Schrift?
Linien, Kerben, Punkte oder Kreuze, die sich oft wiederholen - in den Höhlen der Schwäbischen Alb wurden in den vergangenen Jahrzehnten viele Artefakte mit solchen Symbolen entdeckt. Das wohl bekannteste ist ein kleines Mammut aus der Vogelherdhöhle im Lonetal (Kreis Heidenheim). Steinzeitmenschen schnitzten es aus einem Mammutstoßzahn und ritzten Kreuze und Punkte in die Oberfläche.
Ähnliches gilt für Fundstücke aus dem Geißenklösterle, einer Höhle im Achtal bei Blaubeuren. Gleichmäßige Punktreihen und Kerben zieren hier ein Elfenbeinplättchen, auf dem ein Mischwesen aus Löwe und Mensch dargestellt ist. Auch Funde aus dem Hohlenstein-Stadel im Lonetal und der Karsthöhle Hohle Fels bei Schelklingen weisen solche Zeichensequenzen auf.
Höhlenskulpturen verblüffen die Wissenschaft
Mehr als 3.000 Zeichen auf 260 Objekten aus den vier Höhlen im Alb-Donau-Kreis und dem Kreis Heidenheim hat das Forscherteam aus dem Saarland und Berlin untersucht und Erstaunliches herausgefunden. Die Abfolgen sind in ihrer Informationsdichte und Komplexität denen ähnlich, die von frühesten Proto-Keilschrifttafeln aus Mesopotamien bekannt sind. Diese sind allerdings mehrere 10.000 Jahre später entstanden.
Für Studienleiter Christian Bentz von der Universität des Saarlandes steht fest, dass die Menschen in der Steinzeit die Zeichen gezielt angebracht haben: "Wir kommen mit unserer Forschung dem statistischen Fingerabdruck der Zeichensysteme auf die Spur." Dabei sei es nicht darum gegangen, die konkrete Bedeutung der Zeichen zu entschlüsseln. Ziel ist es gewesen, so der Sprachforscher, erstmals grundlegende, messbare Eigenschaften der Zeichen zu erfassen.
Wir kommen mit unserer Forschung dem statistischen Fingerabdruck der Zeichensysteme auf die Spur.
Eigentlich hatten die Wissenschaftler vermutet, dass Keilschriften von vor rund 5.000 Jahren deutlich weiter entwickelt seien als die 40.000 Jahre alten Funde von der Schwäbischen Alb. "Je mehr wir uns allerdings damit beschäftigt haben, umso deutlicher wurde, wie strukturell ähnlich die frühe Proto-Keilschrift den viel älteren paläolithischen Zeichensequenzen ist", sagt Ewa Dutkiewicz, Archäologin im Museum für Vor- und Frühgeschichte der Staatlichen Museen zu Berlin.
Moderne Technik für Jahrtausende alte Objekte
Und so ging das Forschungsteam vor: Zunächst wurden die Fundstücke digitalisiert. Dann nutzten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler Methoden der Künstlichen Intelligenz, um die Zeichenfolgen zu analysieren und mit der deutlich jüngeren Keilschrift zu vergleichen. Zu den Kriterien zählten etwa Kombinationen von Zeichen und Wiederholungsraten.
Was konkret unsere Vorfahren durch ihre Zeichen festhalten wollten, wird durch die Forschungsergebnisse nicht enthüllt. "Wir kratzen bislang nur an der Oberfläche dessen, was es an Zeichensequenzen auf verschiedenen Artefakten zu finden gibt", so Forscherin Dutkiewicz. Sie und ihre Kollegen hoffen aber, dass die neuen Erkenntnisse dabei helfen, dem Geheimnis um die Steinzeit-Zeichen von der Schwäbischen Alb näherzukommen.