Seit Montag können Verkehrsteilnehmer auf den Straßen und Wegen zwischen Neu-Ulm und Senden einem eindrucksvollen Konvoi begegnen: Er besteht aus drei weißen Lastwagen mit riesigen grobstolligen Reifen. Ein wenig ähneln sie Steinbruchfahrzeugen oder dem Mondauto - für die, die sich noch daran erinnern. Das Ungewöhnlichste an den Spezial-Lastern im Auftrag der Stadtwerke Ulm/Neu-Ulm (SWU) sind Metallplatten, die waagrecht zwischen den Achsen an Eisenstangen montiert sind. Die sind aber auch das Wichtigste.
Zwei Wochen lang werden die Mess-Laster unterwegs sein, im Prinzip wie eine Wanderbaustelle: In den Stadtgebieten von Ulm und Neu-Ulm und im südlichen Neu-Ulmer Kreisgebiet auf beiden Seiten der Iller, bis an die Stadtgrenze von Vöhringen. In bestimmten Abständen stoppt der Konvoi, und die hydraulisch absenkbaren Rüttelplatten fangen an zu vibrieren.
Trotz Vibrationen: Das Geschirr bleibt im Küchenschrank
Die Messungen würden allerdings keine auch noch so kleinen Erdbeben auslösen, beruhigt SWU-Energie-Projektleiter Reinhard Wunder die Interessierten auf dem Neu-Ulmer Wochenmarkt. Die SWU hatten dort am Samstag einen Informationsstand aufgebaut, der bei vielen auf Interesse stieß. Das Geschirr werde nicht aus dem heimischen Küchenschrank fallen, wenn so eine Messung vor dem Haus stattfindet, so Wunder.
Vibrierende Platten testen die Bodenbeschaffenheit
Durch das Vibrieren erzeugen die Rüttelplatten Schallwellen, passenderweise heißen die Spezial-Lastwagen Vibrotrucks. Die Schallwellen werden von den Gesteinsschichten im Untergrund reflektiert und von sogenannten Geophonen aufgenommen - Geräten von der Größe eines Schuhkartons. Die "Geophone" werden teilweise übrigens in Privatgrundstücken ausgelegt und sollten auch nicht entfernt werden, teilen die Stadtwerke Ulm/Neu-Ulm (SWU) mit. Betroffene Haushalte wurden oder werden informiert.
Neuartige Technik nutzt Erdwärme aus großer Tiefe
Mit der aufwändigen Messmethode testen die SWU, ob sich der Boden im Raum Neu-Ulm/Senden für die Gewinnung von Erdwärme aus mehreren Kilometern Tiefe eignet. Ein kanadisches Unternehmen hat die neuartige Technik entwickelt. Im Gegensatz zu herkömmlicher Erdwärmegewinnung wird dabei kein Grundwasser angezapft. Stattdessen wird eine umweltverträgliche wasserähnliche Flüssigkeit über eine Sonde in den Boden geleitet. Über ein System aus Wärmeschleifen, wie bei einer Fußbodenheizung, heizt sich die Flüssigkeit auf, kommt zurück an die Oberfläche und kann dann ins Fernwärme-Verbundnetz Neu-Ulm/Senden eingespeist werden.
Laut SWU könnten so rund 13.500 Haushalte mit umweltfreundlich erzeugter Wärme versorgt werden. Pumpen sind dafür übrigens keine nötig, die erhitzte Flüssigkeit steigt von selbst auf. "Thermo-Siphon-Effekt" nennen das die Geowissenschaftler.
Erdwärme für Neu-Ulm und Senden könnte ab 2029 Realität werden
Nach Abschluss aller Tests entscheiden die Stadtwerke, ob sie die neue Technik tatsächlich kaufen. Die Voruntersuchung ist Teil der Wärmetransformationsplanung der SWU, in die der Energieversorger knapp 3,5 Millionen Euro investiert, wobei der Bund die Transformation mit bis zu 50 Prozent fördert.
Wenn alles nach Plan läuft, könnten die ans Fernwärme-Verbundnetz Neu-Ulm/Senden angeschlossenen Haushalte ab 2029 mit umweltfreundlich erzeugter Wärme aus der Tiefe versorgt werden.