Wie können todkranke Eltern ihren Kindern einen Eindruck, eine Erinnerung mitgeben? Die Uniklinik Ulm hat dazu das Filmprojekt "Ulmer Schatzkiste" initiiert: Es werden Videos produziert, in denen die Eltern sagen können, was ihnen wichtig ist - für die Zeit, wenn sie nicht mehr leben. Auch für eine Zeit, wenn die Kinder vielleicht etwas älter sind.
Etwas mehr als zwei Stunden hat das Interview gedauert. Dann geht die Tür des improvisierten Aufnahmestudios auf und Rebecca Scheuermann kommt heraus. Die junge Frau mit der Kurzhaarfrisur sieht müde aus - aber auch erleichtert. Was sie in diesen Minuten beendet hat, ist ihr sehr, sehr wichtig: Ein Erinnerungsvideo für ihre dreijährige Tochter.
Die "Ulmer Schatzkiste" bewahrt die Erinnerung an die verstorbene Mutter
"Mit der Krebsdiagnose im Endstadium weiß ich ja nicht, wie lange darf ich noch auf dieser Erde weilen. Und mir war einfach wichtig, dass ich meiner Tochter etwas mitgeben kann: Dass sie sich immer an mich erinnern kann und sehen kann, wie ich spreche, wie ich gestikuliere, wie ich lache, wie ich vielleicht auch mal weine."
Hier wird unfassbar viel gelacht, hier kullern auch Freudentränen.
Auch Sarah Krämer wirkt ziemlich erschöpft. Die Ärztin für Psycho-Onkologie ist eine der beiden Projektleiter der "Ulmer Schatzkiste". Krämer hat das Interview mit Rebecca Scheuermann vorbereitet und geführt. Die kranke Frau ist ihr in den vergangenen Wochen ans Herz gewachsen, so wie alle ihre Patientinnen und Patienten. "Oft bin ich dann (nach dem Interview) recht leer. Aber ich bin sehr dankbar. Weil all das, was wir aufzeichnen konnten, das wird die kleinen Kinder ihr Leben lang begleiten. Das wird bleiben - über den Tod hinaus."
Wer war ich? Wie möchte ich in Erinnerung bleiben?
Die Schatzkisten-Videos setzen sich aus mehreren Kapiteln zusammen: Am Anfang erzählen die Patienten Geschichten aus ihrem Leben: Worüber haben sie gelacht, was hat sie glücklich gemacht? Die meisten erwähnen auch Herausforderungen in ihrem Leben, und wie sie damit umgegangen sind - um es ihren Kindern als Tipp weiterzugeben. Im zweiten Kapitel stellen sie sich vor: Wer bin ich, was hat mir gefallen, wofür habe ich gebrannt? Was hat mir geschmeckt?
Auch über ihre Krankheit sprechen die Patientinnen und Patienten. Und über den Tod. Wird es irgendwie weitergehen? Abschiedsbotschaften finden ebenfalls ihren Platz im Video, für die Kinder, den Mann, die beste Freundin.
Auf das fünfte und letzte Kapitel verzichten manche Patienten erfahrungsgemäß: Botschaften für zukünftige Ereignisse im Leben der Kinder, die sie selbst wahrscheinlich nicht mehr erleben. Die Einschulung der Tochter. Der 18. Geburtstag des Sohnes. Der erste Liebeskummer. Was immer sie wollen - es ist ihr Film.
Wenn es sehr emotional wird, dann muss ich mich hinter Kamera und Technik 'verstecken'.
Viele haupt- und ehrenamtliche Helferinnen und Helfer
Das Projekt "Ulmer Schatzkiste" lebt von vielen engagierten Menschen. Rund 40 wirken an der Produktion der Erinnerungsvideos mit, die meisten ehrenamtlich. Emely Hasert gehört schon seit rund vier Jahren zum Team. Die Psychologiestudentin hilft bei der Bewältigung der Bürokratie. Sie betreut aber auch die Patientinnen und Patienten, begleitet sie etwa am Tag des Interviews. Für Hasert eine sehr bereichernde und beglückende Erfahrung. "Die meisten denken, hier wird ganz viel geweint, und alles ist ganz schrecklich und alle sind traurig. Aber hier wird unfassbar viel gelacht, hier kullern auch Freudentränen."
Josef Sälzle dreht normalerweise Werbe- und Imagefilme. Er hat schon viele der bisher über 50 Schatzkisten-Videos gedreht. Trotzdem fällt es ihm oft schwer, innere Distanz zu wahren. "Wenn es sehr emotional wird, dann muss ich mich hinter Kamera und Technik 'verstecken'", beschreibt der Kameramann seine Gefühle während des Drehs. Schließlich wolle er seinen Job ordentlich machen und dürfe sich nicht mitreißen lassen.
Eine echte Schatzkiste
Nach dem zwei- bis dreistündigen Dreh empfinden alle Beteiligten vor allem eines: Erleichterung. Vor allem Rebecca. "Ich hab' das Gefühl, eine Last ist von meinen Schultern gefallen. Ich habe ganz viele tolle Sachen sagen dürfen, die ich meiner Tochter mitgeben will. Das kann mir keiner mehr nehmen. Und das fühlt sich toll an."
Rebeccas Botschaft an ihre kleine Tochter wird nach allen Regeln der Kunst geschnitten - und auf einem winzigen Computerstick gespeichert. Der findet seinen Platz in einer kunstvoll gearbeiteten hölzernen Kiste: ihrer ganz persönlichen Ulmer Schatzkiste.