Nur zehneinhalb Meter beträgt der Unterschied, doch für Ulm bedeuten sie den Verlust eines Weltrekords. Sollte der Bau der Sagrada Família in Barcelona wie geplant 2026 fertiggestellt werden, dann löst der katalanische Sakralbau das Ulmer Münster als höchsten Kirchturm der Welt ab. Das Kuriose an der Wachablösung: Das entscheidende Bauteil kommt ausgerechnet aus der Ulmer Nachbarschaft.
Fassadenhersteller: "Rekorde sind dazu da, um gebrochen zu werden"
Im bayerischen Gundelfingen an der Donau - nur 36 Kilometer Luftlinie entfernt - baut der traditionsreiche Fassadenhersteller Josef Gartner GmbH derzeit ein 17 Meter hohes und 13 Meter breites begehbares Glaskreuz. Nicht ohne Stolz verweist Geschäftsführer Jürgen Wax auf diesen besonderen Auftrag aus Barcelona.
Die Ursprungsidee sei vom Architekten der Sagrada Família, Antonio Gaudí, gekommen. Die Stiftung der Kirche habe den Gedanken weiterentwickelt und dann nach Ausschreibung den Zuschlag erteilt, sagt Wax. Dass ausgerechnet sein Unternehmen dafür sorgt, dass das Ulmer Münster seinen Titel verliert, kommentiert er mit einem Augenzwinkern: "Das ist ein kurioser Nebeneffekt. Aber Rekorde sind dazu da, um gebrochen zu werden."
Schon seit 2018 arbeitet der Fassadenhersteller an dem Projekt. Die Grundkonstruktion der Einzelteile ist fertig. Derzeit werden in Gundelfingen die Skelette aus Edelstahl geschweißt. Später werden sie mit Beton eingegossen und außen mit Keramik verkleidet. Dann kommt die Verglasung, damit Besucher später von den vier begehbaren Armen des Kreuzes auf Barcelona blicken können.
Fertigstellung pünktlich zum Todestag Antonio Gaudís
Die Bestandteile der 50 Tonnen schweren Konstruktion werden kommendes Jahr einzeln nach Barcelona geliefert. Die Montage auf dem Jesus-Christus-Turm der Sagrada Família soll im Frühsommer beginnen. Und das Bauwerk pünktlich zum 100. Todestag von Antonio Gaudí fertig werden. Die Kosten für den Glas-Anbau sollen im unteren zweistelligen Millionenbereich liegen.
Kreuz aus Bayern gibt den Ausschlag Ulmer Münster wird Titel verlieren: Sagrada Família höchste Kirche der Welt
Die Sagrada Família in Barcelona übertrifft nach ihrer Fertigstellung das Ulmer Münster als höchsten Kirchturm der Welt. Dafür kommt ausgerechnet Unterstützung aus dem bayerischen Gundelfingen.
Technisch sei das Kreuz eine Neuheit. "Wir haben schon Stahl-Beton-Brücken und -Dächer gebaut - aber ein begehbares Kreuz, das hohl ist und eine Wendeltreppe hat - das wurde natürlich in der Form noch nie gebaut und wird so schnell vermutlich nicht mehr gebaut werden“, so Wax.
Rekord bald weg: Ulmer Münstergemeinde bleibt gelassen
Während man in Gundelfingen und Barcelona mit Vorfreude auf die Fertigstellung der Sagrada Família blickt, ist in Ulm die Stimmung geteilt. Viele sehen in der Ablösung des Münsters als höchsten Kirchturm der Welt einen Verlust. Dekan Torsten Krannich aber blickt gelassen auf 2026. Er freue sich darüber, dass schwäbisches Handwerk in der Lage ist, diesen Beitrag zu leisten.
Auch um einen möglichen Bedeutungsverlust macht man sich in der Münstergemeinde keine Sorgen. "Ich glaube nicht, dass jemand nur nach Ulm reist, um den höchsten Kirchturm zu sehen. Die, die zu Besuch kommen, gucken sich das Münster an, egal ob der Turm Erster oder Zweiter im Ranking ist", sagte Krannich dem SWR. Eines könne Ulm ohnehin keiner nehmen: Das Münster bleibe schließlich die höchste historisch gebaute Kirche der Welt.