Der Batteriehersteller VARTA hat eine schwere Krise hinter sich. Es gab einen Schuldenschnitt, Kleinanleger wurden enteignet und eine Restrukturierung durchgeführt. Sowohl Autobauer Porsche als auch Großaktionär Michael Tojner stiegen mit frischem Kapital von insgesamt rund 60 Millionen Euro als Gesellschafter ein.
SWR Aktuell: Herr Ostermann, wie blicken Sie auf die Geschehnisse seit letztem Jahr?
Michael Ostermann: Gut, letztes Jahr war ein sehr bewegtes Jahr für die VARTA AG. Wir waren bilanziell überschuldet. Das heißt, wir hatten keine Möglichkeit mehr, aus unserem Cashflow heraus genug Geld in die Zukunftssicherheit der Firma zu investieren. Wir mussten hier das StaRUG-Verfahren wählen, um uns bilanziell zu entschulden, das Ganze haben wir jetzt Anfang des Jahres erfolgreich abgeschlossen. Das war ein großer Meilenstein für uns, denn dadurch sind wir wieder in einer Situation, dass wir auch in unsere Zukunft investieren können. Es war ein schmerzlicher Prozess, es ist uns nicht leichtgefallen. Es hat dazu geführt, dass am Ende des Tages die Aktionäre den Aktienwert verloren haben. Aber das war ein erforderlicher Schritt.
SWR Aktuell: Wie kam es denn zu dieser Verschuldung?
Ostermann: Es ist im Nachhinein immer leicht, schlau zu schwätzen. Es sind seinerzeit im Wesentlichen zwei Investitionsentscheidungen getroffen worden, bei denen mehr als eine halbe Milliarde Euro investiert worden sind - in zwei Geschäftsfelder, die dann nicht so performt haben, wie man sich das mal ausgemalt hat. Das heißt, man hat hier sehr viele Investitionen aus Schulden finanziert und anschließend gab es keinen Return auf diese Investitionen. Das hat zu dieser Überschuldung geführt.
SWR Aktuell: Was hat der Schuldenschnitt gebracht, und wie geht es jetzt für VARTA weiter?
Ostermann: Gerade für einen Batteriehersteller sind Investitionen in Innovation ganz wichtig. Die Batteriebranche ist eine Branche, die einem sehr schnellen Wandel unterliegt. In der Konsumenten-Elektronik haben Sie eine Produktlebensdauer von ein oder zwei Jahren, dann muss schon wieder die neue Generation am Markt sein. Das heißt, wir leben von der Innovation, wir leben vom Wandel. Jetzt haben wir die Zinsaufwendungen deutlich reduzieren können und sind wieder in der Lage, aus dem eigenen Cashflow heraus zu investieren.
Wir hatten eigentlich kein Geld mehr, in unsere eigene Zukunft zu investieren.
SWR Aktuell: Für VARTA geht es jetzt neben dem Privatinvestor Michael Tojner auch mit der Porsche AG weiter. Welchen Einfluss hat das auf Ihr Unternehmen?
Ostermann: Wir müssen da ein bisschen abschichten. Porsche ist ja zum einen auf der AG-Ebene, also oben bei der Mutter, als Shareholder eingestiegen mit einer 50-Prozent-Beteiligung. Und dann gibt es ein Joint Venture (V4Smart) mit der Firma Porsche gemeinsam. In diesem Joint Venture produzieren wir eine Zelle, die VARTA-AG entwickelt hat. Das ist eine wiederaufladbare Lithium-Ionen-Zelle.
SWR Aktuell: Bei VARTA denken viele vor allem an Knopfzellen und Einwegbatterien. Was hat es mit dieser Lithium-Ionen-Zelle auf sich?
Ostermann: Da gibt es oft ein Missverständnis, die ist nicht für Elektroautos. Das ist eine Zelle, die Porsche sogar insbesondere für seine Verbrennerfahrzeuge einsetzt. Das ist keine Energiezelle, die möglichst viel Energie speichern soll für die Reichweite, sondern eine Powerzelle, die gespeicherte Energie in möglichst kurzer Zeit abgibt. Das sind zwei getrennte Entwicklungsrichtungen.
Zukunftsfähiges Konzept gefordert Politische Statements - Eine Region setzt sich für Varta ein
Der Batteriehersteller Varta aus Ellwangen steckt in der Krise. Jetzt fordern Politikerinnen und Politiker ein zukunftsfähiges Konzept.
SWR Aktuell: Wie sieht Ihre Produktion abgesehen von diesen Zellen aus?
Ostermann: Wir sind der einzige europäische Hersteller, der verschiedenste Zellchemien hat. Nach wie vor ist ein großer Teil unseres Umsatzes von nicht aufladbaren Alkali-Mangan-Zellen, also Haushaltsbatterien für den privaten Gebrauch. Wir sind Weltmarktführer für Hörgerätebatterien, das sind Zink-Luft-Batterien. Wir machen für einen berühmten amerikanischen Elektronikhersteller auch Lithium-Ionen-Akkus für Kopfhörer. Und wir haben noch zwei relativ neue Geschäftsbereiche: Energiespeicher für PV-Anlagen und kundenspezifische Anwendungen.
SWR Aktuell: Wie blicken Sie aktuell auf die Batteriebranche auch im Zusammenhang mit der Automobilindustrie?
Ostermann: Ich halte es für enorm wichtig, dass wir in Europa eine Fertigungskompetenz für Lithium-Ionen-Zellen haben und auch aufbauen. Ich halte es auch für enorm wichtig, dass wir die Lieferketten hier regionalisieren. So, dass wir uns hier nicht in Abhängigkeiten begeben, die wir irgendwann mal bitterböse bereuen. Wenn Sie sehen, wie im Augenblick asiatische Hersteller, insbesondere chinesische Hersteller, den Markt für batterieelektrische Fahrzeuge oder auch für die Batterien dominieren, dann macht mir das Sorgen. Wir treten ja als Europäer an gegen einen Wettbewerb, der staatlich subventioniert wird. Wir kämpfen also nicht auf Augenhöhe mit unseren asiatischen Mitbewerbern. Daran scheitern eben viele europäische Hersteller und da rede ich jetzt gar nicht für die VARTA AG als solche, sondern eigentlich für die Branche.