Ein neues Virus ist nach Europa eingeschleppt worden und breitet sich nun bei Rindern in Süddeutschland aus - auch in Baden-Württemberg. Die betroffenen Tiere zeigten Fieber und Durchfall, Milchkühe geben weniger Milch, wie das Friedrich-Loeffler-Instituts (FLI) erklärte, das sich als Bundesforschungsinstitut der Tiergesundheit widmet. Übertragen wird das Virus durch blutsaugende Gnitzen, also kleine Mücken.
Nach bisherigem Kenntnisstand sind beziehungsweise waren in der Region Südbaden rund 100 Betriebe mit Rinderhaltung betroffen, wie ein Sprecher des Landwirtschaftsministeriums Baden-Württemberg mitteilte. Todesfälle unter den Tieren seien nicht bekannt. "Der Krankheitsverlauf ist nach bisherigem und aktuellem Kenntnisstand typischerweise mild, betroffene Tiere erholen sich innerhalb weniger Tage wieder", so das Ministerium.
Landwirtschaftsverband: Ganze Herde muss erkranken
Laut dem Badischen Landwirtschaftlichen Hauptverband (BLHV) ist vieles noch unklar. Wie der Bernhard Bolkart, Präsident des Verbands, dem SWR mitteilt, komme das Virus bei den Rindern bislang nur "im milden Verlauf" vor. Konkret bedeutet das: "Geschwollene, tränende Augen, Fieber, Durchfall und die Milchleistung geht zurück", schildert Bolkart.
Bei einem milden Verlauf lasse man die gesamte Herde erkranken, mit der Zeit würden sich entsprechende Abwehrkräfte bilden, sagt Bolkart. Man stehe jedoch am Anfang einer neuen Krankheit, weswegen vieles noch "spekulativ" sei.
Virus bei Rindern: So ist der aktuelle Stand
Das FLI untersuchte vier Proben aus Baden-Württemberg und kam zu dem Schluss, dass es sich um ein bislang nicht näher charakterisiertes, sogenanntes Orthobunyavirus aus der Simbu-Serogruppe handelt. Viren dieser Gruppe kämen vor allem in Afrika, Asien und Australien vor.
Sowohl in der Region Oberschwaben wie auch im Main-Tauber-Kreis gibt es noch keine Meldungen von infizierten Tieren. Auch dem Bauernverband Schwäbisch-Hall-Hohenlohe-Rems sind noch keine Fälle bekannt. Das bestätigte der Verband auf SWR-Anfrage.
Wahrscheinlich kein relevantes Risiko für Menschen
Das neue Virus gehört zu einer Gruppe, zu der auch das Schmallenberg-Virus gehört. Dieses war 2011 nach Deutschland gelangt und sorgte in den darauf folgenden Jahren vor allem bei Schafen für Fehlgeburten und Missbildungen. Mehr als 2.000 Höfe waren damals betroffen. Infiziert mit Viren dieser Gruppe werden demnach überwiegend Wiederkäuer, insbesondere Rinder, Schafe und Ziegen. Das Schmallenberg-Virus ist nicht auf den Menschen übertragbar.
Das neue Virus stellt laut dem Institut "nach bisherigem Kenntnisstand kein relevantes Infektionsrisiko für den Menschen dar". Das müsse nun aber genauer untersucht werden.
Virus wird möglicherweise auch auf Fötus im Mutterleib übertragen
Laut FLI führen Infektionen mit Viren der Gruppe bei erwachsenen Tieren in der Regel lediglich zu milden bis moderaten klinischen Erscheinungen. "Von besonderer Bedeutung ist jedoch die mögliche Übertragung auf den Fetus während der Trächtigkeit. Abhängig vom Zeitpunkt der Infektion können Aborte, Totgeburten und schwere angeborene Fehlbildungen auftreten", so das Institut.
Inwiefern derartige Probleme infolge des nun nachgewiesenen Virus auftreten, müsse noch untersucht werden, heißt es. Da die entsprechenden Mücken noch bis November aktiv sind, müsse mit einer weiteren und möglicherweise schnellen Ausbreitung des Virus gerechnet werden.
Potenzial bislang nicht genau bekannt
"Wir wissen noch nicht genau, welches Potenzial das Virus in sich trägt", sagte eine FLI-Sprecherin. Möglicherweise ginge es darum, jetzt möglichst schnell einen Impfstoff zu entwickeln.
Die über die Behandlungskosten erkrankter Tiere und den vorübergehenden Rückgang der Milchleistung hinausgehenden Auswirkungen auf die Landwirtschaft könnten noch nicht abgeschätzt werden, teilte der Sprecher weiter mit. Sie hängen demnach von der Ausbreitungsgeschwindigkeit, den betroffenen Tierarten und den Krankheitsbildern ab.