Tradition seit dem Jahr 1890

Ulmer Münster: Was 130 Jahre Orgelkonzerte und ausgetretene Schuhe miteinander zu tun haben

Mit kaputten Schuhen sorgt der Ulmer Münsterkantor Friedemann Johannes Wieland für himmlische Musik an der Orgel. Und das fast täglich - bei einem kostenlosen Orgelkonzert im Ulmer Münster.

Teilen

Stand

Klebeband hält die abgewetzten schwarzen Halbschuhe zusammen, die Sohlen sind abgelaufen, das Oberleder brüchig. Früher sollen die Schuhe mal blau gewesen sein. Mit Tapeband sind die 31 Jahre alten Schuhe exakt an den Fuß angepasst. Es ist nicht pure Armut, weshalb Friedemann Johannes Wieland diese alten Treter trägt. Es ist einfach so, dass er in ihnen das beste Gefühl für die Fußpedale der Münsterorgel hat.

Zum Einsatz kommen die Schule samt dem 57-jährige Münsterkantor und ersten Organisten regelmäßig bei einer besonders traditionsreichen Andacht: "Punkt 12" heißt sie, Wort und Musik zur Mittagszeit.

Klebeband hält sie zusammen: mit 31 Jahre alten, kaputten Schuhen spielt der Ulmer Münsterkantor an der Orgel.
Klebeband hält sie zusammen: mit 31 Jahre alten, kaputten Schuhen spielt der Ulmer Münsterkantor an der Orgel.

Perfekt für die Orgel: Konzerte in kaputten Schuhen

Die Mittagsandacht ist etwas Besonderes im Ulmer Münster. Punkt zwölf beginnt hier ein Ritual, das seit über 130 Jahren Menschen anzieht - Gläubige, Touristen, Stammgäste. Eine halbe Stunde lang gibt es ein kostenloses Orgelkonzert. Die Tradition reicht bis ins Jahr 1890 zurück, als der Münsterturm fertiggestellt wurde. Zu diesem Anlass bekam das Gotteshaus eine neue Orgel, die den Beginn der Tradition markierte.

Kostenloses Orgelkonzert am Mittag

Bevor die ersten Töne erklingen, hat der Organist schon ein kleines "Aufwärmprogramm" hinter sich: 82 Treppenstufen führen hinauf zur Orgelempore. Oben angekommen, legt Friedemann Johannes Wieland den Hauptschalter für die Orgel um. Dann rollt er den Schutzfilz hoch, der die Tasten der Orgel vor Staub und Dreck schützt. Erst wenn Orgel, Finger und Füße warm gespielt sind, ist alles bereit für das kostenlose Orgelkonzert.

Münsterkantor Friedemann Johannes Wieland an "seinem" Instrument - der Orgel im Ulmer Münster.
Münsterkantor Friedemann Johannes Wieland an "seinem" Instrument - der Orgel im Ulmer Münster.

Orgelkonzert ist eine "schöne Unterbrechung"

Der 57-Jährige spielt das Mittagskonzert mindestens drei Mal pro Woche, seine Kollegen übernehmen die übrigen Tage. Während des Spiels blickt Wieland nicht nur auf Noten und Register, sondern auch ins Kirchenschiff. Eine Kamera zeigt live, was unten passiert: Viele kommen gezielt wegen der Mittagsandacht, andere eher zufällig ins Münster.

Regelmäßig kommt zum Beispiel Werner Schempp. Für ihn ist das kleine Orgelkonzert "wunderschön". "Du hast eine halbe Stunde, die dir gehört, wo du deinen Gedanken nachhängen und beten kannst." Für eine andere Besucherin ist es eine schöne Unterbrechung des Alltags. Zuhörerin Elisabeth Jaroschek gefallen vor allem die Improvisationen.

Die Hauptorgel im Ulmer Münster wurde im Jahr 1969 eingebaut.
Die Hauptorgel im Ulmer Münster wurde im Jahr 1969 eingebaut.

Wenn der Organist improvisieren muss

Improvisation gehört für Friedemann Johannes Wieland zum Alltag - nicht nur künstlerisch. "Neulich hing ein Ton. Da musste ich rauskriegen, auf welchem Manual das ist, solange habe ich diesen Ton in die Improvisationen miteinbezogen", erzählt Wieland. Irgendwann hat sich die Taste dann wieder gelöst. Ein technisches Problem - die kaputten Schuhe waren nicht schuld daran.

Ulm

Womöglich höchster Wochenmarkt Hunderte kaufen auf dem Wochenmarkt im Turm des Ulmer Münsters ein

Fast 400 Stufen mussten die Besucherinnen und Besucher des Ulmer Wochenmarkts hoch, damit sie einkaufen können. Am Donnerstag gab es den womöglich höchsten Wochenmarkt der Welt.

SWR Aktuell am Nachmittag SWR Aktuell

Ulm

Papst weiht Hauptturm der Sagrada Familia Münster nicht mehr höchste Kirche der Welt: Ulmer "gönnen den anderen den Rekord"

Die Sagrada Familia hält unter den Kirchen seit Monaten den neuen Höhen-Weltrekord. Am Mittwoch hat der Papst den 172 Meter hohen Hauptturm geweiht. Grüße kommen auch aus Ulm.

Landesschau Baden-Württemberg SWR BW

Ulm

Laut Münsterbaumeisterin "mit blauem Auge davongekommen" Nach Blitzeinschlag: Riesige Magnetfelder ließen Technik im Ulmer Münster runterfahren

Das Ulmer Münster ist beim Unwetter am Samstagabend von einem Blitz getroffen worden. Ein Feuer brach zwar nicht aus. Dennoch sind die Schäden des Blitzeinschlags erheblich.

Erstmals publiziert am
Stand
Autor/in
Justus Madaus
Justus Madaus
Torsten Blümke
Torsten Blümke

Unsere Quellen

Transparenz ist uns wichtig! Hier sagen wir Ihnen, woher wir unsere Infos haben!