Freiburger Schülerinnen und Schüler protestieren gegen eine mögliche Rückkehr zur Wehrpflicht. Eine alte grün-weiß gepunktete Tischdecke wird dabei zum Protest-Banner. Umgedreht scheint das Muster des Stoffes nur noch leicht durch. Jonathan hat bereits in dicken Linien einen Spruch vorgeschrieben. Jetzt sitzen Emile, Peter, Mika, Soraya, Urs und er darum herum, konzentriert, mit Pinsel und Farbe malen sie die Buchstaben aus. Sie wollen heute auf ihre neugegründete Gruppe "Schüler:innen gegen Wehrpflicht" aufmerksam machen.
Debatte um Wehrpflicht beunruhigt Schüler
Die Jugendlichen im Alter zwischen 16 und 18 Jahren hat die Debatte um den Wehrdienst, freiwillig oder verpflichtend, beunruhigt. Denn sie könnten die Ersten sein, die wieder gemustert werden. Statt abzuwarten, beschlossen sie daher aktiv zu sein. Sie haben die Gruppe gegründet und wollen damit ein klares Zeichen setzen gegen die mögliche Wiedereinführung der Wehrpflicht.
Das ist ja eigentlich bei jeder Entscheidung, die gerade im Land getroffen wird so, dass wir Jugendlichen das ausbaden müssen und das über unsere Köpfe hinweg entschieden wird. Und wenn so wenig für uns getan wird, ist es kein Wunder, wenn so viele Leute sagen, wir wollen nicht für dieses Land kämpfen.
Im Fall einer Wehrpflicht, wollen alle aus der Gruppe verweigern. Ihre Mitschüler und Mitschülerinnen in der Schule sind teilweise anderer Meinung. Die Gruppe aber hat sich zusammengeschlossen, weil sie sich vor allem den Dienst an der Waffe nicht vorstellen können. Für sie klinge das viel zu patriotisch: "für Deutschland kämpfen".
Schüler: Nicht für die Regierung den Kopf hinhalten
Emile Hammacher betonte in der SWR-Sendung "Zur Sache! Baden-Württemberg" beispielsweise: "Wenn ich zur Bundeswehr gehen würde, müsste ich im Zweifelsfall auch kämpfen, und das bedeutet, ich müsste im Zweifelsfall wahrscheinlich töten und mich eben auch in Lebensgefahr begeben."
Wenn man bedenke, wie wenig die jetzige Bundesregierung oder die frühere Bundesregierung für die junge Generation getan habe, "dann kann ich nicht nachvollziehen, dass ich für diese Regierung irgendwie meinen Kopf hinhalten möchte", so Hammacher.
Fragebogen, Musterung, dann freiwilliger Wehrdienst
Der aktuelle Plan der Bundesregierung zum Wehrdienst sieht vor, dass ab dem kommenden Jahr alle jungen Männer und Frauen zum 18. Geburtstag einen QR-Code mit einem Online-Fragebogen zugeschickt bekommen. Dieser fragt ab, ob Interesse am Dienst der Bundeswehr besteht. Männer sind dazu verpflichtet diesen auszufüllen, bei Frauen ist dies freiwillig.
Geeignete Kandidatinnen und Kandidaten werden dann zu Musterung eingeladen. Ab Anfang Juli 2027 wird es laut Gesetzesentwurf dann eine Pflicht zur Musterung für junge Männer ab dem Geburtenjahrgang 2008 geben. Keine Wehrpflicht, sondern ein freiwilliger Wehrdienst.
Merz und Wadephul für Wehrdienst
Dem Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) geht das nicht weit genug: "Ich vermute, es wird bei der Freiwilligkeit alleine nicht bleiben." Und auch sein CDU-Parteikollege, Außenminister Johann Wadephul (CDU), spricht sich für eine "sofortige Wehrpflicht" aus.
Die Beratung zum Gesetzesentwurf im Bundestag war diese Woche geplant, wurde jedoch auf Drängen der Unionsfraktion vertagt. Der SPD-Verteidigungsminister Boris Pistorius kritisiert das Verhalten der Union, weil dies die Einführung des neuen Wehrdienstes und damit die Wiedereinführung der Wehrerfassung verzögere.
Wehrpflicht: Schüler fühlen sich in der Freiheit eingeschränkt
Nach dem Abitur wollen Emile, Urs und die anderen reisen, studieren, arbeiten. Manche planen ein Freiwilliges Internationales Jahr zu machen. Bei einem verpflichtenden Dienst beim Bund oder im Zivildienst ginge das nicht mehr, sagen sie. Das schränke die Jugendlichen ein, nicht nur zeitlich, sondern auch in ihrer persönlichen Freiheit, meint Emile Hammacher: "Dann könnte man halt einfach nicht mehr das machen, worauf man Lust hätte und was man so geplant hatte."
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Die Kritik der Gruppe "Schüler:innen gegen Wehrpflicht" richtet sich dabei auch gegen die Kommunikation der Bundeswehr. Vor allem die Werbevideos, die für den Dienst an der Waffe motivieren sollen.
Der Wehrdienst wird wie so ein Abenteuer dargestellt, das eigentlich nur Spaß macht. Aber man muss eben auch zeigen, dass es dabei um Menschen geht und Waffen im Spiel sind.
Die alte Tischdecke ist fertig bemalt, das Banner bereit für den Protest. Noch sind sie eine kleine Gruppe, aber sie haben große Pläne: eine Demo, um zukünftig die Debatte um die Wehrpflicht beeinflussen zu können.