Große deutsche Unternehmen wollen den Wirtschaftsstandort Deutschland mit Milliardeninvestitionen wieder auf Kurs bringen. Bei einem Treffen mit Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) machten sie aber auch Erwartungen an die Politik deutlich, den "Reformstau" aufzulösen und Unternehmen mehr Freiheit zu geben. Konkret stellen die beteiligten Firmen bis 2028 Investitionen von mindestens 631 Milliarden Euro in Deutschland in Aussicht. Merz sprach von "einer der größten Investitionsinitiativen" der vergangenen Jahrzehnte.
Wirtschaftswissenschaftler: BW könnte als Standort profitieren
Die Summe soll sowohl bereits geplante als auch neue Investitionen umfassen und etwa in neue Anlagen sowie in Forschung und Entwicklung fließen. Mit dabei sind auch Firmen aus Baden-Württemberg wie der Autobauer Mercedes Benz oder der Softwarekonzern SAP. Investierten sie im Land, könnte es als Wirtschaftsstandort profitieren, glaubt Christian Rammer vom Leibniz-Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung.
Bei SAP sieht Rammer beispielsweise Investitionsmöglichkeiten im Bereich Künstliche Intelligenz. "Die Konkurrenz geht da sehr rasch voran", sagte er im SWR. "Bei Mercedes Benz ist noch sehr viel zu tun im Bereich Elektromobilität, autonomes Fahren, Digitalisierung und neue Mobilitätskonzepte." Zusätzliche Investitionen schafften Wertschöpfung und damit auch Arbeitsplätze.
Tübinger Firma: Wirtschaftliche Stimmung "könnte nicht tiefer sinken"
Matthias Rommel, Geschäftsführer der Firma Horn aus Tübingen, fühlt sich derzeit von der Politik allein gelassen. Seit Jahren befinde sich die Branche in einer Abwärtsspirale, sagt er. Die Firma Horn stellt Präzisionswerkszeuge unter anderem für die Automobilindustrie her. "Im dritten Jahr der Rezession beginnt man schon schlechte Gefühle zu bekommen", sagt Rommel. "Da sieht man sein eigenes Industrieumfeld, aber auch die Stimmung in Deutschland und die industrielle Stimmung allgemein und ich möchte mal sagen, die könnte nicht noch tiefer sinken."
Die Hoffnungen auf die neue Bundesregierung waren hoch. Auf mehr Unterstützung für den Mittelstand, für die Industrie im Ganzen. Zwar hellt sich in Umfragen die Stimmung derzeit auf, Dinge wie das Hin und her bei der Stromsteuersenkung sind allerdings ein Schlag ins Kontor für Rommel. "Das geht nicht. Ich kann nicht Dinge sagen und sie danach wieder zurücknehmen", meint Rommel. Dem einen tue das mehr weh, dem anderen weniger. Aber die Planungssicherheit, die Stimmung, das Vertrauen werde dadurch massiv zerstört.
Verband der Automobilindustrie: Investorengipfel "wichtiges Zeichen"
Derzeit sei es überall besser als in Deutschland, so Rommel. Sie investierten deshalb viel Geld im Ausland, obwohl sie sich dem Standort Deutschland verpflichtet fühlten. Ein Konflikt, vor dem viele Unternehmen derzeit stehen. Auch deshalb sei der Investorengipfel im Kanzleramt ein wichtiges Zeichen, findet Simon Schütz vom Verband der Automobilindustrie. "Wir haben Unternehmen, die Investitionen tätigen wollen", sagt Schütz. Aber dabei schaue man immer auch auf die Standortfaktoren. "Da geht es um Energiepreise, bürokratische Belastungen, Arbeitskosten - und in allen diesen Bereichen ist Deutschland nicht mehr an der Spitze der Entwicklung."
Der Volkswirt Professor Henrik Müller vom Institut für Journalistik der TU Dortmund fordert bei SWR Aktuell eine umfassende Strategie, um den Strukturwandel in etwas Produktives zu verwandeln. Denn die Lage sei dramatisch:
Forderungen: Weniger Bürokratie, Zusagen einhalten
Bei der Firma Horn in Tübingen hat Geschäftsführer Matthias Rommel klare Forderungen an die Bundesregierung. Damit die Wirtschaft in Deutschland endlich wieder in Schwung kommt. Es brauche einen klaren Cut bei der Bürokratie, keine Angst vor Risiko und den Glauben an den normalen Menschenverstand. Außerdem müssten Zusagen an die Industrie eingehalten und Leitplanken gesetzt werden statt alles zu überregulieren, sagt Rommel. Das gäbe den Unternehmen grünes Licht für Investitionen.
In Berlin scheinen sich Unternehmen und Bundeskanzler derweil einig: es war wohl nicht das letzte Treffen dieser Art. Merz sagte, die Zusammenarbeit solle weitergehen. Die Initiative nannte als Ziel, einen "lösungsorientierten Dialog" zu zentralen Zukunftsthemen wie Digitalisierung, Nachhaltigkeit, Innovation, Infrastruktur und Fachkräftemangel zu etablieren.