Ein Wohnprojekt in Ulm bringt Menschen zusammen und trägt dazu bei, das Problem vermehrter Einsamkeit in der Gesellschaft abzumildern. Und nicht nur im Privaten, auch in der Politik ist man sich bewusst, dass die Herausforderung Einsamkeit sich nicht mit staatlichen Eingriffen allein lösen lässt
Projekte wie in Ulm können einen Beitrag leisten: Zwischen Familien, Studierenden und Senioren riecht es nach frischem Kaffee und Brötchen. Susanne Hirschberger sitzt mit ihrem Müsli in der Hand zwischen ihren Nachbarinnen - im Alter von 21 bis 75. Und sie kennt alle: "Das dauert normalerweise wahnsinnig lang, bis man die Nachbarschaft kennenlernt", sagt sie. Hier sei das ganz anders.
Wer hier wohnt, möchte auch angesprochen werden.
Sie lebt im Wohnprojekt "Aktiv gemeinsam wohnen" am Kuhberg in Ulm - ein Gebäudekomplex, in dem insgesamt 41 Erwachsene und 13 Kinder leben. Es ist kein klassisches Mehrgenerationenhaus, sondern ein gemeinschaftliches Wohnmodell, bei dem jeder eine eigene Wohnung hat, aber Gemeinschaftsräume und Aktivitäten geteilt werden. Auf dem Flur grüßt man sich, im Gemeinschaftsraum gibt’s nicht nur Frühstück, sondern hier wird auch gelesen, gestrickt und gefeiert. Jeder hat einen Schlüssel, jeder hilft jedem.
Gegen Einsamkeit: Tauschgeschäfte mit Backpapier und Computerhilfe
"Neulich war das Backpapier aus, und ich hab’s einfach in die Gruppe geschrieben und welches bekommen", erzählt Studentin Valentina Thieme. Sie wohnt im Stockwerk unter Hirschberger in einer Wohngemeinschaft mit drei weiteren jungen Menschen. "Oder ein älterer Nachbar hat bei uns geklingelt, weil er Hilfe mit einer E-Mail gebraucht hat. Ich finde es schön, wenn man sich gegenseitig hilft." Auch die Möglichkeit, regelmäßig gemeinsam zu essen oder in Arbeitskreisen gemeinsam etwas zu bewirken, gefalle ihr.
Zudem hilft es gegen die Einsamkeit. Für Susanne Hirschberger hat sich viel verändert, seit sie hier wohnt. Bevor sie nach Ulm zog, habe sie oft niemanden gehabt für gemeinsame Aktivitäten wie Spazierengehen oder Museumsbesuche. Ohne das Wohnprojekt hätte sie im Arbeitsalltag nicht die Kraft und Zeit dafür gehabt, neue Kontakte zu knüpfen.
Ich habe nach der Arbeit keine Kraft mehr gehabt, mir Kontakte mühselig aufzubauen.
"Ich kam für meinen Job als Seelsorgerin nach Ulm und kannte niemanden", erzählt sie. "Früher bin ich sehr müde nach der Arbeit nach Hause gekommen und habe keine Kraft mehr gehabt, mir Kontakte mühselig aufzubauen. Da gab es eine Riesenveränderung, als ich hier eingezogen bin." Einsamkeit könne jeden treffen, egal wie alt.
Studie: Mehr als jeder Dritte fühlt sich in BW einsam
Das zeigt auch eine aktuelle repräsentative Studie der Bertelsmann Stiftung: Jeder Dritte in Baden-Württemberg fühlt sich einsam. Soziale Teilhabe und das Einkommen spielen dabei eine entscheidende Rolle. Menschen mit einem niedrigen Einkommen unter 2.000 Euro gaben signifikant häufiger an, moderat einsam (31 Prozent) oder stark einsam (13 Prozent) zu sein.
Seelsorgerin Hirschberger fordert mehr Einsatz von Firmen und Politik
Für Hirschberger hat sich das Problem nun gelöst. Sie hat Nachbarn, denen sie sich verbunden fühlt. Eine davon ist Elke, 16 Jahre älter - und inzwischen eine enge Freundin. "Susanne hat immer neue Ideen auf Lager, ist unheimlich offen gegenüber Menschen", sagt Elke. "Das schätze ich sehr." Gemeinsam gehen sie auf Kunstmärkte oder nähen im Gemeinschaftsraum. Auch aus ihrem beruflichen Alltag als Betriebsseelsorgerin weiß Hirschberger: Neben einem Umzug und dem Alter können besonders Krankheit, Arbeitslosigkeit oder Trennungen Einsamkeit auslösen. "Gutes Miteinander ist ein Leitbild. Aber nicht jedes Unternehmen setzt das auch um. Ich sehe die Politik, aber auch die Arbeitgeber in der Pflicht, entsprechend zu agieren."
Gibt es genug Räume gegen Einsamkeit in BW?
Das Sozialministerium hat in dieser Woche fünf Ideenwettbewerbe ausgerufen, um innovative Projekte gegen Einsamkeit in besonders betroffenen Zielgruppen zu fördern. In der Sendung "Zur Sache! Baden-Württemberg" betonte Gesundheitsminister Manfred Lucha (Grüne) allerdings: "Engagement will ich nicht staatlich verordnen." Staatliche Mittel seien begrenzt. Er wolle sich aber dafür einsetzen, Räumlichkeiten für einzelne Projekte zu stellen.
Engagement will ich nicht staatlich verordnen.
Die sozialpolitische Sprecherin der SPD-Landtagsfraktion, Dorothea Kliche-Behnke, fordert mehr Orte gegen Einsamkeit. Die Landesregierung müsse finanzielle Kürzungen, die sich auf Bibliotheken, Volkshochschulen oder Familienbildungsstätten auswirken, verhindern.
Für Susanne Hirschberger ist klar: Sie hat ihren Ort gegen Einsamkeit gefunden. Aber auch sie findet, dass es mehr langfristige finanzielle Unterstützung für soziale Projekte brauche. Einzelprojekte wie ihr Wohnhaus könnten das gesamtheitliche Problem nicht lösen. Es brauche Zeit, um irgendwo wirklich anzukommen, um Hilfe anzunehmen und Einsamkeit zu bekämpfen. Für sie ist das nun in Ulm gelungen. "Erst hier bin ich wirklich wieder bei mir angekommen."